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Wer nach der letzten Mail jedoch denkt, daß die Weiterentwicklung unseres pisos nur auf technischer Ebene stattfindet, den muß ich korrigieren. Wir sind dabei, auch unsere artistischen Fähigkeiten auszubauen. Angefangen mit abstrakter Konzeptkunst, die -- anfangs ungeplant und eher zufällig -- sich in ein Happening ungeahnten Ausmaßes entwickelte. So sind die 8 Mülltüten und zwei Eierpaletten im Flur für Unkundige nur Aufforderung, doch endlich mal den Müll herunterzubringen, dem meine Mitbewohner jedoch kundig seiner wahren Bedeutung widerstehen. So stellen die Tüten in ihrer zufälligen und zutiefst subjektiv aggregierten Repräsentation die empirischen Ausmaße des wichtigsten Antriebsfaktors der modernen Wegwerfgesellschaft und damit die andere Seite des internationalen Konsums dar. Dieser Müll stand nicht nur zufällig eine Woche bei uns, sondern mahnte ständig des ewigen Vergehens und Vergessens, der Austauschbarkeit des Einzelnen in der durch Arbeitswillen geprägten Industriegesellschaft, so daß es schließlich nur konstruktiv war, ihn den Weg alles Seienden beschreiten zu lassen, indem Alessandro und Ich kurzerhand und kurzentschlossen in einer konzentriert konzertierten Aktion zupackten und ihn seiner Intimität beraubten, als wir ihn in die Sammelstationen eines auf den Transport dieser Artefakte spezialisierten städtischen Betriebes zu einer noch größeren Ausstellung abgaben.

Kontrastiv dazu Josés weiterhin bestehende Großformate, entstanden aus zu großer Freizeit, aus ästhetischen Empfinden oder aus einem Überschuß an Kreativität, um den früher vorherrschenden Krankenhausstil unseres Flurs (weiß und geschmacklose Landschaftsbilder) durch weiße und gestaltlose Collagen aus Herrenmagazinen ästhetisch aufzuwerten, wobei er bei seiner dritten schließlich auf DIN A2 angelangt ist und entdeckt hat, dass es einen Hintergrund gibt, den man nicht nur ausfüllen, sondern zu dem man auch Vordergrundmotive in Beziehung setzen kann.

Doch wo wir gerade bei Müll sind, lohnt es sich noch von dem Vormittag zu berichten, an dem es tierisch im piso gestunken hatte. War es der übliche Geruch nach faulen Eiern, der sich manchmal aus dem Hauptwasserhahn verflüchtigt, nein, der riecht nicht so angebrannt. Dann kam es vielleicht von draußen als übliche Morgenwelle über die Straße geschwappt, wenn alle Welt ihre Gasheizungen anschaltet, nein, dafür war es zu spät. So blieb nur noch eine Möglichkeit, es musste aus der Küche selbst kommen. Wir gingen mit dem Schnupperradar auf Schnupperkurs und hängten unsere Nasen in wirklich alles rein, was rumlag, und siehe da, nach vorschriftsmäßigem chemischen Näseln, fand sich ein angebrannter Eierkarton im Müll! Alessandro und ich schauten uns an, will uns da einer verkohlen? Was hatten die Stimmen zu bedeuten, die ich heute morgen im Halbschlaf gehört hatte? Doch die außerirdischen Handwerker von unten? Waren endlich die Wasserwerker gekommen, um den Wasserhahn an besagtem Haupthahn abzulesen? Nein, denn das hätte zu gefährlich werden können. Also blieb nur noch eine Möglichkeit: José!

Und tatsächlich! Nachdem er eisige Kälten und sengende Wüsten durchquert hat, war er endlich am Drachenturm ... nein, das war wer anders, also er war irgendwann ins piso gekommen, hatte dann telephoniert, dabei eine geraucht, in den Müll geascht und sich gefragt, ob er einen Brand hatte, oder ob dieser Geruch extern war, wovon schließlich das fachgerechte Löschen abhängen sollte, dessen Früchte Alessandro und ich mittags zu riechen bekamen, und dessen Quelle wir dann entsorgten. Selbstverständlich getrennt, denn - auch wir recyceln jetzt!

Und hier für alle, bei denen noch ein Brief an mich rumliegt, meine Adresse, schließlich soll ja alles seine Bestimmung erreichen:
Spanien-Michael
FachSchaftsKonferenz
Zentrales Fachschaftenbüro - ZFB
Albert-Überle-Straße 3-5
69120 Heidelberg

Bis bald, Michael

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