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UNiMUT 124 vom 10.2.97

Inhalt

Editorial

Es war eine wirklich schöne Sitzung des Großen Senats heute nachmittag. Zwar wurden wie gewohnt alle Studianträge von der Mehrheit der Magnifizenzen und Spectabilitäten sauber niedergebügelt, und natürlich wurde Studihasser Siebke auch Rektor, aber immerhin war mit Ruhe nicht so viel: Gut 200 Studis hatten ihren Weg von der Vollversammlung in die Aula am Klausenpfad gefunden und hielten mit ihrem Unmut über das, was da geschah, nicht hinterm Berg.

Aber auch von diesen Umständen ließen sich die habilitierten Herren nicht von gegenseitiger Beweihräucherung abhalten. Nicht recht eingedenk der Binsenweisheit, dass sowas in so einer Konstellation schnell in die Hose geht, musste also einer der Professoren Herrn Siebke seine tiefe Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass dieser das ach so schwere Amt des Rektors übernehmen wolle und erging sich dann im Philosophieren: Die Rektorfindungskommission - die dem Großen Senat sagt, wie er abstimmen soll -habe in ihrer Weisheit vor sechs Jahren beschlossen, die Uni brauche einen Juristen an ihrer Spitze und habe ihn auch gefunden. Jetzt aber erfordere die Zeit einen Volkswirtschaftler, und deshalb müsse man...

Glücklicherweise ging der Rest dieses -- frei zitierten -- Satzes im Gelächter unter, denn ein geistesgegenwärtiger Studi hatte dreist dazwischengeplappert: "Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald einen Historiker." Ein denkwürdiges Zitat. In der Tat: Dass die Gruppenuniversität, quasi das Äquivalent des Ständestaates, abgeschafft gehört, darüber gibt es einen breiten Konsens. Die Frage ist nur, wohin der weitere Weg gehen wird: Demokratie oder Totalitarismus des Geldes? Auch wenn die Verfechter letzteren Systems im Augenblick Oberwasser zu haben scheinen, ist noch nichts entschieden. Unser Unisystem ähnelt dem Frankreich von 1788. Wir haben uns zwischen Rousseau und Napoleon zu entscheiden. Und hoffen wir, dass, wie auch immer es weitergehen mag, die Veränderung diesmal ohne Guillotinen kommt.

Red.

Quorum verfehlt -- Treuhandkonto geht weiter

Die wichtigste Nachricht zuerst: Das von der VV gesetzte Quorum von 8000 Studierenden, die auf das Treuhandkonto eingezahlt haben müssen, haben wir nicht erreicht -- am Montag war erst Geld von 4500 Studis auf dem Konto. Das heißt, dass unser Rechtsanwalt euer Geld an die Unikasse weiterüberweisen wird, es sei denn, ihr entscheidet euch, weiterzumachen.

Der Boykott ist nötiger denn je. Der AK Treuhandkonto hat deshalb mit dem Rechtsanwalt, der das Konto verwaltet, folgendes Vorgehen vereinbart: Wer auch ohne Quorum weiter boykottieren möchte, kann eine Erklärung ausfüllen und unterschreiben, dass er/sie das will und sich über mögliche Konsequenzen im Klaren ist. Vordrucke für diese Erklärungen gibt es bei der FSK und an den Infoständen des Treuhandkontos.

Pferdefuß dabei ist wieder die Zeit, die schon beim ursprünglichen Treuhandkonto der große Feind war: Wir können diese Erklärungen nur bis Mittwoch, 12.2.97, 16 Uhr annehmen -- danach müssen wir dem Rechtsanwalt Bescheid sagen, wer sein Geld auf dem Treuhandkonto belassen will, sonst könnte dieser das Geld der Studis, die mit dem Boykott aufhören wollen, nicht fristgerecht an die Unikasse überweisen. Im Klartext: Wenn ihr boykottieren wollt, müsst ihr euch ganz schnell das Formular für die Erklärung besorgen, es sofort ausfüllen und gleich wieder abgeben. Wir müssen hier leider nach dem Gorbatschow-Prinzip verfahren: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Alles andere würde das Vertrauen, das die EinzahlerInnen in den AK Treuhand und die FSK gesetzt haben, schwer missbrauchen.

Ihr mögt jetzt fragen: "Warum sollte ich eigentlich noch boykottieren, für diesen Boykott ist die letzte Messe doch längst gelesen." Das ist sie nicht! Sie ist es nicht in Heidelberg, wo sich bis zum 8.2. gerade mal 11.000 Studis bei der Uni zurückgemeldet haben -- bis Freitag hatten also zwei Drittel noch gar nichts getan, und all diese Studis können immer noch boykottieren und sind nach wie vor herzlich eingeladen, sich bei den Treuhandkonto-Ständen oder im ZFB, Lauerstr. 1, 2. Stock zu melden (Info-Telefone HD/ 54-3457, tägl. von 15-17 Uhr, Mo. zusätzl. 10-12 Uhr und das Nightline-Telefon HD/184708, Mo, Mi, Fr, 21 bis 2 Uhr). Dass die letzte Messe noch lange nicht gelesen ist, liegt aber auch daran, dass der Boykott landesweit läuft. Das gibt uns großen Rückhalt -Tübingen und Freiburg schaffen ihr Quorum mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, Stuttgart und Karlsruhe haben auch noch recht gute Chancen, Mannheim hat eben erst angefangen. Wenn wir in Heidelberg weitermachen, mit möglichst vielen Leuten, stärkt das unsere Position im Land massiv. Ihr riskiert dabei vorerst immer noch nicht viel, allenfalls die 20 Mark Mahngebühr. Nach der Mahnung könnt ihr Euch ja immer noch zur Zahlung entscheiden und wart nicht eine Sekunde in der Gefahr, exmatrikuliert zu werden.

Trotha hat noch lange nicht gewonnen. Wir können seine "Einschreibegebühren" noch verhindern. Wir werden sie verhindern, denn es geht bei weitem nicht um 100 Mark im Semester, es geht darum, den Ausstieg aus der Solidarfinanzierung der Unis zu verhindern, was schließlich zu Studiengebühren von 6000 Mark im Semester führen muss -- wie etwa in Japan oder den USA, wo Familien von der Geburt ihrer Kinder an auf deren spätere Hochschulbildung hinsparen müssen. Unser neuer Rektor Siebke hat genau das angedeutet: Bildung sei eine Ware, sagte er sinngemäß, als er vor seiner Wahl zum Thema befragt wurde, Studiengebühren seien kein Mittel zur Geldbeschaffung, sie brächten marktwirtschaftliche Elemente an die Uni. Gegen solche Gedanken müssen wir uns wenden. Jetzt. Auf 20 Mark Mahngebühr sollte es uns da nicht ankommen.

Gustav

Zahlen im Land

U Freiburg 5662 48%
U Karlsruhe 2084 37%
U Stuttgart 2391 38%
U Tübingen 3977 66%
U Mannheim 295 8%

In der dritten Spalte steht der vom Quorum erreichte Anteil, nicht etwa der Anteil der EinzahlerInnen an der Gesamtstudierendenschaft.

Zahlen bei uns

Bei uns sind 4453 Überweisungen auf dem Konto eingetroffen.

Beteiligung nach Fachbereichen:Beteiligung nach Fachbereichen: Kopfzahlen, d.h. nur erstes Fach gezählt!

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes gibt es keine Angaben zu Fächern mit weniger als 20 Studierenden. Die Medizin Mannheim fehlt auch. Alle Zahlen sind vorläufig und ungeprüft!

FachbereichBoykotteurInnenQuote
Physik42327.79%
IÜD39129.96%
Evangelische Theologie27928.24%
Germanistik24616.11%
Allgemeine Medizin Heidelberg2375.71%
Biologie21019.04%
Anglistik18418.55%
Rechtswissenschaft1775.60%
Mathematik17517.17%
Psychologie16220.61%
Geographie14029.47%
Erziehungswissenschaft12516.25%
Politische Wissenschaft11919.73%
Mittlere und Neue Geschichte10815.21%
Romanistik10716.09%
Chemie9012.75%
Ethnologie7521.43%
Volkswirtschaftslehre705.41%
Kunstgeschichte6912.68%
Sport6511.88%
Philosophie6314.75%
Soziologie5413.92%
Geologie3521.08%
Musikwissenschaften295.84%
Sinologie2114.58%
Deutsch als Fremdsprachenphilologie213.90%
Pharmazie203.82%
Japanologie1915.20%
Archäologie1813.53%
Slavistik1820.69%
Latein1513.89%
Ur- und Frühgeschichte1318.06%
Astronomie1231.58%
Mineralogie1110.48%
Ägyptologie1013.89%
Islamwissenschaft1012.99%
Spanisch (nur bei Lehramt)942.86%
Indologie814.55%
Diakoniewissenschaft (Aufbaustudiengang)77.95%
Computerlinguistik69.23%
Schulmusik510.42%
Zahnmedizin51.02%
Gerontologie (Aufbaustudiengang)55.62%
Alte Geschichte49.09%
Vorsemesterkurs Deutsch31.05%
Griechisch12.86%
Allgemeine Sprachwissenschaft14.00%
Med. Informatik10.25%
Studienkolleg00.00%
Medizin und Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern00.00%

Was tun gegen Studiengebühren und Bildungsklau?

Boykottieren und mitmachen bei:

Trotha kommt nach Heidelberg!

Am Donnerstag, 13.2.97, 16 Uhr kommt unser Minister von Trotha zur Verleihung des Landes-Lehr-Preises in die Alte Uni an den Direktor des Archäologischen Insituts. Mit satten 35.000 DM werden da "die Verdienste bei der Neuordnung des geisteswissenschaftlichen Studiums ausgezeichnet". Entgegen dem Motto "Was nichts kostet, ist auch nichts wert" können wir unserem Bildungsabbauminister an diesem Tag auch noch den sehr "wert"-vollen Landes-Scher-Dich-zum-Teufel-Preis verleihen und zwar garantiert gratis. Alle Leute, die schon bei der Aktion "Wir blasen Trotha den Marsch" gute Erfahrungen mit der Verleihung gemacht haben (und alle anderen Studis natürlich auch) sind herzlich ab 15.45 Uhr eingeladen.

UB schließt nicht

Mal wieder eine Folge des Sparwahns: Die Altstadt-UB, die bisher das ganze Jahr hindurch bis halb elf am Abend ihre Türen für die bildungsbeflissene Jugend offen hatte, soll in den Semesterferien schon um 20 Uhr schließen. Allerdings wird es diesmal nicht so einfach sein, die Türen auch wirklich zuzukriegen: Schon am ersten Tag der neuen Regelung werden etliche Studis einfach nicht gehen -- insbesondere an Dich ist bei dem Ausdruck "etliche Studis" gedacht. Wer sich an dem Sit-In beteiligen will, möge doch einfach so gegen 19 Uhr vorbeikommen. Montag, 17.2., 19 Uhr Altstadt-UB.

Das letzte Hemd ist weg

Freitag, 14.2.97. 10 Uhr 30, Zentrale Universitätsverwaltung Heidelberg, Seminarstraße 2: Eine Gruppe Studierender kommt im lezten Hemd zur Rückmeldestelle, um unter Darbietung desselbigen kniefälligst die Rückmeldung zu erflehen. Sei einer von ihnen! Vortreffen dazu Freitag 14.2. um 10 Uhr, ZFB, Lauerstr. 1, 2. Stock.

Wie mensch klagt

Am nächsten Donnerstag (das ist der 13.2.97) gibts um 20 Uhr in der neuen Uni einen Vortrag, den sich jedeR anhören sollte, der/die was gegen Studiengebühren hat und mit dem Gedanken spielt, ein bisschen mehr als nur Boykott zu probieren. Der Karlsruher Rechtsanwalt Jan Rausch wird erzählen, warum die Studiengebühren rechtlich eine ziemlich fragwürdige Geschichte sind, was es mit den Urteilen aus Berlin auf sich hat, wie die Kiste mit Widersprüchen gegen Zahlungs- und Exmatrikulationsbescheide funktioniert, was jedeR Einzelne auf dem juristischen Weg tun kann, ob das was kostet und wie erfolgversprechend es ist. Klingt zwar nicht wirklich faszinierend, ist aber faktisch eine Pflichtveranstaltung für alle mündigen Studis. Donnerstag, 13.2.97, 18 Uhr, Neue Uni.

Splitter

Aufgefangen während der Sitzung des Großen Senats am 10.2.

Bei der Stimmenabgabe Siebkes zum neuen Ulmer:
Aufruhr, Widerstand, die Uni jetzt in Studi-Hand!

Höhnischer Gesang, bei der Frage nach mehr Mitbestimmung:
Das ist Demokratie!
So lieben wir sie!

Beim Abschmettern des Antrags auf Änderung der Tagesordnung: Wo sind die Profs?

Nach Siebkes Plädoyer für eine Angebot-Nachfrage-Lehre:
Siebke, Zinsen und Gebühr? Alle Drei'e vor die Tür'!

Nachdem der neue Rektor sich für Studiengebühren ausgesprochen hatte:
Ulmer war schon eine Plage,
Siebke's schlimmer, keine Frage!


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Druckfassung

Erzeugt am 10.02.1997

unimut@stura.uni-heidelberg.de