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UNiMUT-Archiv:
Extra vom 18.10.93





Brief an einen Leser,

der dieses Heft vermutlich sowieso nicht liest, denn "was nicht 
viel kostet ist nicht viel wert"....(Zitat Rektor Ulmer vom 1.7. 
'93).
Nur einmal anfragen wollte ich, ob denn demnaechst auch die 
Senatssitzungen, die Jahresfeiern, die Erstsemesterbegruessungen 
(...) Eintritt kosten werden, damit die Teilnehmenden sich ueber 
die Qualitaet der genannten Veranstaltungen auch klar werden...?
Mit kostenlosen Gruessen, die Sezzerin.





Der unaufhaltsame Aufstieg des Herrn U. 
oder "Die 1000 DM - Oper"

Und der Haifisch, der hat Zaehne, 
und die traegt er im Gesicht, 
und der Rektor hat Gedanken, 
doch die sah man lange nicht....

Und es sind des Haifischs Flossen
rot, wenn dieser Blut vergiesst
Der Herr Rektor hat 'nen Posten, 
wo er sicher vor uns ist

An des Neckars braunem Wasser
Bleiben ploetzlich Stuehle leer
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch der Rektor geht umher!

Und Ruth Mueller bleibt verschwunden
wie so mancher arme Mann!
Und sein Geld hat der Herr Rektor,
dem man nichts beweisen kann


Und die Studis, sie verschwinden
sehr zum Kummer des Gerichts
und man laedt am End den Rektor
doch der Rektor weiss von nichts.

Und er kann sich nicht erinnern
Und man kann an ihn nicht 'ran
denn der Rektor ist Beamter, 
dem man nichts anhaben kann.

(Frei nach Brecht)


Gentechnik - Bericht

Schon seit langem wird im Geheimen in den Gentechnik-Labors 
an bundesdeutschen Hochschulen im Auftrag der HRK eifrig 
geforscht. Jetzt drangen Berichte ueber erste Ergebnisse an die 
Oeffentlichkeit!
Ziel ist der ideale Student/die ideale Studentin. Als 
Modellvorlage dienten - Fischstaebchen!
Warum gerade Fischstaebchen?
Diese Frage ist einfach zu beantworten: Das Fischstaebchen 
verkoerpert am besten die Eigenschaften, die von idealen 
Studierenden erwartet werden: Es ist platzsparend stapelbar, 
nimmt also wenig HLF ein (Hauptnutzflaeche pro Studienplatz), 
zudem ist es - das ist ganz besonders wichtig - ausgesprochen 
ruhig. Der letzte Vorteil liegt in seiner Konsistenz: Innen ist es 
weich und formbar (vor allem zu Anfang), aussen wird es nach 
kurzer Behandlung nahezu steinhart - also die idealen 
Voraussetzungen fuer eine akademische Karriere!
Zusammengefasst laesst sich der/die kuenftige Traumstudi also 
beschreiben als "quadratisch - praktisch - gut"!
Klar, dass sowohl ForscherInnen als auch Rektoren, Dekane und 
ProfessorInnen jetzt ins Traeumen geraten. Man darf die 
Prototypen mit Spannung erwarten!

Christiane


Wenn die Haifische Menschen waeren


"Wenn die Haifische Menschen waeren", fragte Herrn K. die 
kleine Tochter seiner Wirtin, "waeren sie dann netter zu den 
kleinen Fischen?" "Sicher", sagte er, "wenn die Haifische 
Menschen waeren, wuerden sie im Meer fuer die kleinen Fische 
gewaltige Kaesten bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, 
sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie wuerden sorgen, dass die 
Kaesten immer frisches Wasser haetten, und sie wuerden ueberhaupt 
allerhand sanitaere Massnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein 
Fischlein sich die Flossen verletzen wuerde, dann wuerde ihm 
sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht 
wegstuerbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht truebsinnig 
wuerden, gaebe es ab und zu grosse Wasserfeste; denn lustige 
Fischlein schmecken besser als truebsinnige. Es gaebe natuerlich 
auch Schulen in den grossen Kaesten. In diesen Schulen wuerden 
die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische 
schwimmt. Sie wuerden zum Beispiel Geographie brauchen, 
damit sie die grossen Haifische, die faul irgenwo liegen, finden 
koennten. Die Hauptsache waere natuerlich die moralische 
Ausbildung der Fischlein. Sie wuerden unterrichtet werden, dass es 
das Groesste und Schoenste sei, wenn ein Fischlein sich freudig 
aufopfert, und dass sie alle an die Haifische glauben muessten, vor 
allem, wenn sie sagten, sie wuerden fuer eine schoene Zukunft 
sorgen. Man wuerde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft 
nur gesichert ist, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen 
niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen 
Neigungen muessten sich die Fischlein hueten und es sofort den 
Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen 
verriete. [...]
Wenn die Haifische Menschen waeren, gaebe es bei ihnen natuerlich 
auch eine Kunst. Es gaebe schoene Bilder, auf denen die Zaehne der 
Haifische in praechtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgaerten, 
in denen es sich praechtig tummeln laesst, dargestellt wuerden. Die 
Theater auf dem Meeresgrund wuerden zeigen, wie heldenmuetige 
Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die 
Musik waere so schoen, dass die Fischlein unter ihren Klaengen, die 
Kapelle voran, traeumerisch, und in allerangenehmste Gedanken 
eingelullt, in die Haifischrachen stroemten. Auch eine Religion 
gaebe es da, wenn die Haifische Menschen waeren. Sie wuerde 
lehren, dass die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu 
leben begaennen. Uebrigens wuerde es auch aufhoeren, wenn die 
Haifische Menschen waeren, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, 
gleich sind. Einige von ihnen wuerden Aemter bekommen und ueber 
die anderen gesetzt werden. Die ein wenig groesseren duerften sogar 
die kleineren auffressen. Das waere fuer die Haifische nur 
angenehm, da sie dann selber oefter groessere Brocken zu fressen 
bekaemen. Und die groesseren, Posten habenden Fischlein, wuerden 
fuer die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, 
Ingenieure im Kastenbau usw. werden. Kurz, es gaebe ueberhaupt 
erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen waeren.
(Berthold Brecht)




Hochschulreform

"Diese Reform wird zwischen Bund und Laendern verhandelt. 
Dass Sie als Studierende die vorliegenden Papier ablehnen, ist 
legitim, aber ohne Belang."
Anke Brunn, Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen

Ueberlast und soziale Lage der Studierenden
Seit Jahren studieren Generationen von Studierenden an 
Hochschulen, die ruecksichtslos finanziellen Einsparungen 
ausgesetzt werden. Waehrend von 1977 bis 1990 die Zahl der 
StudienanfaengerInnen um 72,8% stieg, wurde das 
wissenschaftliche Personal nur um 6%, die Mittel nominal um 
70,5% und die Raumkapazitaet nur um 10,5% erhoeht. Insgesamt 
sind die Studierendenzahlen von 1975 bis 1990 um 88,5% 
gestiegen, der Anteil der Ausgaben fuer die Hochschulen am 
Bruttosozialprodukt sank im selben Zeitraum von 1,32% auf 
1,12%.
Die Betreuungsrelation verschlechtert sich daher kontinuierlich: 
immer mehr Studierende kommen auf eineN AngehoerigeN des 
Lehrkoerpers, derzeit durchschnittlich 1:49.
Berufsfelder wandeln sich, der Bedarf an hierfuer qualifizierten 
AkademikerInnen steigt. Die Hochschulen sind in der Regel 
jedoch nicht faehig, auf diese Veraenderungen einzugehen, obwohl 
es laut Hochschulrahmengesetz (HRG) ihre "staendige Aufgabe" 
ist, zu gewaehrleisten, dass "die Studieninhalte im Hinblick auf 
Veraenderungen in der Berufswelt den Studenten breite berufliche 
Entwicklungsmoeglichkeiten eroeffnen".
Die Zahl der BAfoeG-Beziehenden nimmt ab, der knappe 
Wohnraum ist haeufig ueberteuert, viele Studiengaenge sind 
ueberfrachtet, Seminare ueberfuellt bzw. werden nicht regelmaessig 
angeboten. Hinzu kommen schwierige Rahmenbedingungen, wie 
mangelnde Krippen- oder Kindergartenplaetze fuer Studierende mit 
Kindern, unguenstige Berufsaussichten und vor allem 
zunehmende Erwerbstaetigkeit neben dem Studium. Inzwischen 
arbeiten insgesamt 66% fuer ihren Lebensunterhalt, 56% sogar 
waehrend des Semesters. Laengst ist unumstritten, dass 
unzureichende Arbeitsbedingungen, mangelhafte Beratung, 
Terminierung bzw. Dauer der Pruefungen und nicht die Faulheit 
der Studierenden Ursache immer laengeren Studienzeiten sind.
Fuer viele Langzeitstudierende, von denen ein Grossteil 
Teilzeitstudierende sind, liegt der Lebensschwerpunkt ausserhalb 
der Hochschule. Andere haben einen Auslandaufenthalt oder 
Fachwechsel hinter sich. Sie studieren deshalb zwar absolut 
laenger, belasten aber die Hochschulen nicht entsprechend staerker. 


Das liebe Geld: Haushalt und Hochschulleitung
Die Grundfinfanzierung der Hochschulen erfolgt durch die 
oeffentlichen Haushalte. Dies hat zur Folge, dass Ministerien durch 
inhaltliche Vorgaben (Vertitelung) und gezielte Kuerzungen auf 
die Verwendung von Geldern und damit auf Forschung und 
Lehre Einfluss nehmen koennen. Obwohl Wissenschaft und 
Forschung letztendlich nicht nach Jahresplaenen funktionieren, 
muessen oeffentliche Gelder jaehrlich verplant und ausgegeben 
werden (Annuitaetsprinzip). Beides verhindert eine flexibles 
Eingehen auf unvorhersehbare Entwicklungen. In der Regel 
koennen weder nicht benoetigte Gelder aus einem Haushaltstopf in 
einen anderen umgeleitet werden, noch Gelder - beispielsweise 
fuer grundlegende Investitionen - angespart werden.
Ob Hochschulen in sich demokratisch verfasst sind, ist durchaus 
bezweifelbar. (vgl. Artikel Demokratie an der Uni). Hinzu 
kommt, dass Industrie, (staatlich finanzierte) 
Forschungsgesellschaften und andere DrittmittelgeberInnen 
haeufig starken Einfluss auf Inhalte und Ausrichtung der 
Forschung insgesamt und auf einzelne Forschungsprojekte im 
besonderen nehmen. Eine oeffentliche Diskussion ueber die 
gesellschaftliche Relevanz von Forschung findet kaum statt.

2. Die Reformvorschlaege:
"Jeder soll jederzeit und ueberall seine Chance haben. Weder 
Herkunft noch Besitz, weder Alter noch Konfession, weder 
Wohnort noch Geschlecht sollen die Chancengleichheit, sollen 
das Recht auf Bildung einschraenken." 
Brandts Regierungserklaerung von 1970
Das soll sich jedoch aendern. Auswahlmechanismen und 
Konkurrenzdruck sollen erhoeht werden: die Hochschulen sollen 
sich einen Teil ihrer Studierenden selber auswaehlen duerfen, das 
Abitur soll verschaerft werden. In der "humanen Leistungsschule" 
(CDU) soll sich Leistung schliesslich wieder lohnen.
Die Finanz- und KultusministerInnen der Laender fordern 
Studiengebuehren, zumindest fuer die, die die erlaubte Studienzeit 
um mehr als ein Jahr ueberziehen; Wer zwei Jahre ueber der Zeit 
liegt, soll zwangsweise exmatrikuliert werden. Auch der 
Heidelberger Unirektor ist Verfechter des Vorschlags, 1000,- 
DM Studiengebuehren pro Semester zu erheben.
Angesichts der sozialen Lage der Studierenden und der 
derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen bedeuten 
Studiengebuehren die Einfuehrung eines staendig hoeheren sozialen 
NC's: eine einmal aufgetane Geldquelle wird immer wieder dem 
Bedarf angepasst; insbesondere bei anhaltenden Kuerzungen 
anderer Mittel.
Zwischen Bund und Laendern herrscht ein weitgehender Konsens 
bezueglich einer Zweiteilung des Studiums in ein sogenanntes 
"grundstaendiges Studium" an Universitaeten und 
Fachhochschulen und ein "wissenschaftliches Aufbau- und 
Vertiefungsstudium" ausschliesslich an Universitaeten, zu dem nur 
noch wenige zugelassen werden sollen. Diese "zeitgemaesse 
Weiterentwicklung des Prinzips der Einheit von Forschung und 
Lehre" (Wissenschaftsrat) gibt die Einheit von Forschung und 
Lehre auf. So koennte die Forschung prinzipiell einer kleinen 
Gruppe der Studierenden vorbehalten bleiben, waehrend die 
Masse in einem Schmalspurstudium durch die Hochschulen 
geschleust wuerde.
Die Mittel fuer Baumassnahmen zum Ausbau der Hochschulen 
werden massiv gekuerzt. Gefoerdert werden vorrangig Projekte 
zum Ausbau von Fachhochschulen. Die Laenderministerien 
"reformieren" durch den massiven Abbau von Professuren, 
insbesondere in nicht genehmen Bereichen. An der Universitaet 
des Saarlandes sollen ueber 50 Lehrstuehle gestrichen werden: 27 
davon in den Sprach-, Kultur-, Gesellschafts- und 
Sozialwissenschaften; die Technische und Mathematisch-
Naturwissenschaftliche Fakultaet erhalten jedoch zusammen 4 
neue Professuren.

Finanzierung und Leitung
"Die Politiker bestimmen die Rhetorik, die Industrie bestimmt 
die Realitaet."
Matthias Klein, ehemals Pressesprecher der badischen 
Landesregierung, spaeter verantwortlich fuer die 
Oeffentlichkeitsarbeit des Daimler-Benz-Konzerns (SZ vom 
27./28.05.89)

Die Zuweisung von Mitteln soll verstaerkt nach "erfolgs- und 
qualitaetsorientierten Kriterien" erfolgen. Hierunter fallen 
beispielsweise Angaben zur Zahl der abgelegten Pruefungen oder 
zur durchschnittlichen Studiendauer. Um den Beduerfnissen des 
Wissenschaftsbetriebs entgegen zu kommen und die Mittel 
effektiver zu nutzen, soll jedoch auch die Finanzautonomie der 
Hochschulen gestaerkt werden, d.h. die Hochschulen bekommen 
ihre Gelder ohne Vorgaben zugewiesen und bestimmen selber 
ueber ihre Verwendung.
Hauptstreitpunkt ist die Hoehe und Herkunft der Mittel. Der Bund 
lehnt nach der Verabschiedung des foederalen 
Konsolidierungsprogramms ("Solidarpakt") weitere Bundesmittel 
fuer Bildungsaufgaben ab. Ueber eine verstaerkte Zentralisierung 
der Entscheidungskompetenzen in den Dekanaten bzw. 
Rektoraten sollen Mitbestimmungsmoeglichkeiten noch weiter 
eingeschraenkt werden. Leitbild ist der "Starke Dekan". Er soll als 
"Manager" vor allem fuer die interne Geldverteilung und die 
Einwerbung zusaetzlicher Drittmittel zustaendig sein. Hierzu sollte 
sich das Profil der Fachbereiche in Forschung und Lehre 
verstaerkt an der finanzkraeftigen Wirtschaft orientieren. Die 
Hochschule wird zum Unternehmen. Der eigentlich zu 
befuerwortende Globalhaushalt sichert so nicht die Autonomie der 
Hochschulen, sondern staerkt die Macht der ProfessorInnen. 
Solange aber nicht alle Betroffenen entscheidend an der 
Gestaltung von Lehrplaenen, Haushalt etc. beteiligt sind, kann es 
keine demokratische Reform der Hochschulen aus sich heraus 
geben.
Das neue saechsische Hochschulgesetz geht neue Wege bei der 
"Ausschaltung" der (gerade abgewickelten) Hochschulen: es 
sieht vor, dass das Ministerium bei Bedarf bis in Fachbereiche 
hinein eingreifen darf. Der Berliner Wissenschaftssenator ist 
noch konsequenter: er will das Berliner Hochschulgesetz aendern, 
um "die Moeglichkeit zu schaffen, dass Struktur und 
Planungsentscheidungen auch durchgesetzt werden koennen, 
wenn die Hochschulgremien die hierzu erforderlichen Beschluesse 
nicht fassen sollten".


Zu viele Reformkonzepte greifen sich nur einen Aspekt heraus, 
beispielsweise die Lehre oder "zu lange" Studienzeiten, und 
gehen nicht auf den Gesamtkomplex von veraenderten 
gesellschaftlichen Bedingungen und dem Zusammenspiel von 
Forschung, Lehre und Studium ein. Zu viele Vorschlaege 
verkaufen medienwirksamen inhaltsleeren Aktivismus als 
Reform.
Studienreform bedeutet fuer die Kultusbuerokratie in erster Linie 
ein schaerferer Einsatz von Sanktionsmassnahmen (Genaue 
Kontrolle von Fristen, Zwangsexmatrikulation, Strafgebuehren) 
und weitere Reglementierungen. Nur eine Kombination von 
Massnahmen zur Verbesserung der sozialen Lage, der 
didaktischen Qualifikationen der Lehrenden, der Entschlackung 
und Umgestaltung der Studienplaene und des Ausbaus der 
Hochschulen wird jedoch dauerhafte Perspektiven fuer eine 
demokratische und gesellschaftlich vertretbare Hochschulreform 
bieten koennen.
Es wird langsam Zeit fuer umfassendere Konzepte statt 
unkoordinierter, kurzfristiger und unsozialer Massnahmen.

Kirsten
Einen ausfuehrlichen Artikel mit Quellenangaben erhaltete Ihr auf 
Nachfrage im ZFB; Lauerstr. 1!



Die Rede


Liebe Studienanfaengerinnen und Studienanfaenger!

Wir als die Vertretung der Studierenden moechten euch natuerlich 
auch begruessen und zuerst kurz uns und unsere Arbeit vorstellen.
Einen Zusammenschluss und eine Vertretung der Studierenden 
gibt es einmal in jedem Fach; das ist die Fachschaft, die ihr ja 
wahrscheinlich bei den fachbezogenen Erstsemestereinfuehrungen 
schon kennengelernt habt oder kennenlernen werdet. Daneben 
gibt es auf der Ebene der Universitaet die Fachschaftenkonferenz 
als Zusammmenschluss aller Einzelfachschaften; diese vertritt 
auch die Studierenden in den Organen und Gremien der 
Gesamtuniversitaet.
Das System ist so aehnlich wie es in den Schulen mit 
KlassensprecherInnen, SMV und SchulsprecherInnen war, nur 
sind hier die Rechte ein wenig groesser, wenn sie auch in den 
letzen 20 Jahren kraeftig beschnitten worden sind. Vor 20 Jahren 
waren in allen Gremien gleichviele ProfessorInnen und 
NichtprofessorInnen, d.h. Studierende und DoktorInnen und so. 
Deshalb hatte unsere Stimme schon einiges Gewicht, zum 
Beispiel wenn es darum ging, neue ProfessorInnen an die Uni 
Heidelberg zu berufen. Heute haben wir nicht mehr viel 
mitzubestimmen, wir duerfen meist nur etwas dazu sagen. Aber 
manchmal nuetzt auch das was - aber eben nur manchmal. 
Heutzutage sollen wir uns eher mit der Uni identifizieren, ohne 
mitbestimmen zu koennen; dafuer sind auch solche 
Veranstaltungen wie die heutige da; wir sehen sie deswegen 
ziemlich kritisch. Weil hier nur so getan wird, als wuerde sich die 
Uni um Studierende kuemmern, ohne die Situation nachhaltig zu 
verbessern, halten wir sie eher fuer Humbug, ja heute wird uns 
von Rektor Ulmer, Minister Trotha und der Heidelberger 
Germanistik sogar ein dreifacher Humbug geboten, denn:

1. es wird ein sogenannter Landeslehrpreis verliehen
2. er geht an die Heidelberger Germanistik
3. dieser Preis wird in einer Immatrikulationsfeier verliehen

Ein paar Worte , die das begruenden sollen:

1. Der Landeslehrpreis ist ein Humbug, weil hier mit - fuer den 
Universitaetsetat - wenig Geld (35 000 Mark) vorgetaeuscht 
werden soll, dass es wesentliche Verbesserungen fuer die Lehre 
gaebe, ohne dass das Zahlenverhaeltnis von ProfessorInnen zu 
Studierenden endlich verbessert wuerde. In den letzen 15 Jahren 
ist naemlich die Zahl der Studierenden um 70-80% gestiegen, die 
Zahl der Dozenten und Dozentinnen aber nur um ca. 10%. Dass 
sich da die Lehre verschlechtert, kann gar nicht anders sein - aber 
um das auszubessern, sind 35 000 Mark herzlich wenig. 
Allerdings laesst sich damit ganz vorzuegliche Publicity fuer den 
Minister, der ihn verleiht, machen.

2. Die Verleihung allein an die Germanistik ist ein Humbug, weil 
damit belohnt wird, dass die Germanistik im letzen Semester 
oeffentlichkeitswirksame Veranstaltungen gemacht hat. Der 
Vorschlag, die Germanistik auszuzeichnen, kam denn auch vom 
Rektorat, das - wie schon gesagt - sehr auf Oeffentlichkeitsarbeit 
setzt. Keiner der studentischen Vorschlaege ist beruecksichtigt 
worden, obwohl der Preis auch in drei Teile teilbar gewesen 
waere. Und dabei sind - denken wir - doch die Studierenden 
diejenigen, die am besten beurteilen koennen, ob 
Lehrveranstaltungen auszeichnungswuerdig sind (was uebrigens 
auf die Wenigsten zutrifft, aber das werdet ihr noch 
kennenlernen). 

3. Den Landeslehrpreis hier auf der Immatrikulationsfeier zu 
verleihen, ist sowieso Humbug, weil hier ja eigentlich nur Leute 
sitzen, die die Veranstaltungen gar nicht besucht haben koennen. 
Aber wir geben immerhin eine schoene Kulisse ab fuer den 
Minister und fuer die Presse, das duerfte der tiefere Grund sein.
Die Immatrikulationsfeier insgesamt ist problematisch, weil hier 
zum einen Rektor und Dekane sprechen, die sich sonst herzlich 
wenig um Studienanfaenger und Studienanfaengerinnen kuemmern. 
Zum anderen geht es ja kaum um Inhalte und Beratung, sondern 
darum, dass sich "die Universitaet" darstellt. Die Universitaet aber 
sind wir alle, und ich wuerde sagen, wir Studentierende noch 
mehr als die Profs, einfach weil wir mehr sind, auch wenn wir 
entrechtet sind. Um wesentliche Inhalte und Beratung fuer den 
Studieneinstieg geht es dann auch in den Einfuehrungstagen der 
Fachschaften der Studierenden, da muessen wir uns schon selber 
helfen. Nun ist das fuer die Leute, die diese Einfuehrungen machen 
ja auch Arbeit, die meisten machen dies ehrenamtlich, wer 
bezahlt das schon? Und damit kommen wir jetzt zum groessten 
Klopfer:

Es gab vor einigen Wochen einen Antrag im 
Wissenschaftsausschuss, dass der Landtag Baden-Wuerttemberg 
Geld fuer derartige Beratungen und Einfuehrungen bereitstellen 
sollte. Das wurde dann im Ausschuss vom Landtag beraten, und 
der Minister Trotha, der heute den Landeslehrpreis verleihen will, 
hat das dann abgebuegelt mit der Begruendung, es sei kein Geld fuer 
derartige Beratungsprojekte da; das Geld werde fuer den 
Landeslehrpreis benoetigt.
Herzlichen Glueckwunsch!
Die symbolische Politik, die mit Immatrikulationsfeiern, Uni-
Jahresfeiern und Landeslehrpreisen gemacht wird, verbirgt also 
nicht nur, dass eigentlich nichts wesentliches geschieht, nein, es 
geht noch weiter: sie steht gegen Verbesserungsmassnahmen. Ich 
denke, wir sollten uns das nicht gefallenlassen, wir duerfen uns 
von solchen Massnahmen nicht den Kopf zuschwemmen lassen, 
sondern muessen ueberlegen, was unsere wirklichen Interessen 
sind und sie laut und vernehmlich vorbringen.

Dabei kann es dann auch ganz nett sein, sie mit symbolischen 
Massnahmen zu unterstreichen. So wollen wir heute auch eine 
Preisverleihung vornehmen.
Und zwar soll geehrt werden:

der Herr Minister fuer Wissenschaft und Forschung des Landes 
Baden- Wuerttemberg, Klaus von Trotha;

er soll ausgezeichnet werden als

"Held der Lehre",

und wir verleihen ihm den 

"goldenen Foen" 

fuer weiteres gutes Sandaufwirbeln. Er hat am besten die 
Preisaufgabe geloest: Wie mache ich mit moeglichst wenig Energie 
moeglichst viel Wind, der Sand aufwirbelt und uns die Augen 
verschliesst.

So, zum Schluss noch ein paar Worte zu dieser Veranstaltung und 
Vortragsform: diese Situation, dass eine oder einer redet und 
Dutzende oder Hunderte zuhoeren muessen, wird Euch noch oefter 
in Vorlesungen und Seminaren begegnen. Eigentlich ist das eine 
Situation, die der Universitaet als einer Institution, an der 
forschend gelernt werden sollte, alles andere als angemessen ist - 
selbst die Schulen sind ja, was Lernformen angeht, wesentlich 
progressiver als die Unis mit ihrem ach so hohen Anspruch. Um 
dieser Situation nicht allzu ausgeliefert zu sein, bringt Eure 
Fragen und Interessen ein, wo es nur irgend geht, wandelt die 
Kommunikationssituation um: stellt Euch vor, in einer grossen 
Vorlesung fangen ploetzlich alle Leute an, miteinander ueber das 
Thema zu diskutieren, der Monolog von vorne wird langsam 
unhoerbar und die Rednerin oder der Redner tritt ab, weil er 
merkt, dass ohne ihn so manches einfacher und produktiver waere.


Die Fachschaftskonferez, die FSK, Herausgeberin dieses 
Extrablattes, ist der Zusammenschluss aller Fachschaften der 
Universitaet. Die Fachschaften sind die Interessengemeinschaften 
der Studierenden eines Fachbereichs, die sich vor Ort fuer die 
Belange der Studierenden einsetzen. Die Fachschaften sind 
gesetzlich nicht vorgesehen. Dass eine sinnvolle Beschaeftigung 
mit den draengenden Problemen der Hochschulen in der 
Gesellschaft nicht ohne derartige Initiativen moeglich ist, zeigt 
sich darin, dass die Fachschaften und die FSK geduldet werden.
Vier Hauptfunktionen nimmt die FSK wahr: die Fachschaften 
sprechen sich untereinander ab, die hochschul- und 
allgemeinpolitischen Aktivitaeten von Fachschaften, Referaten 
und Arbeitskreisen werden besprochen, geplant, die Arbeit der 
FSK-VertreterInnen in den Unigremien (Senate, Ausschuesse, 
Kommissionen) koordiniert und ueber die Mittelverwendung 
entschieden.
Genaueres ueber Aufbau und Strukturen erfahrt ihr im Info-
Handbuch der FSK, bei Euren Fachschaften oder im Zentralen 
Fachschaftenbuero (ZFB) (Lauerstrasse 1, 2.OG, Tel. 543456). 
Ueber die laufenden Aktivitaeten von FSK und Fachschaften 
werdet ihr durch die Zeitung UNiMUT informiert werden, 
ausserdem auf Veranstaltungen der FSK, einzelner Fachschaften 
oder Referate.

Qualifikationsbogen WS 93/94

Dieses Formular dient der Erhebung des Bildungs- und 
Pesoenlichkeitsprofils der neuimmatrikuklierten Studierenden. Die 
Ergebnisse der Erhebung sind einer der Indikatoren fuer die 
Aktion "nur wer was leistet, ist was wert!", nach dem ab dem SS 
94 die Mittelverteilung an die Hochschulen erfolgen wird. Wir 
bitten Sie daher, den Bogen wahrheitsgemaess auszufuellen und die 
moeglichen Folgen fuer ihre Alma Mater zu bedenken. Der Bogen 
ist vollstaendig zu bearbeiten, Mehrfachnennungen sind moeglich. 
Die Daten werden nach den Bestimmungen des 
Datenschutzgesetzes, vorbehaltlich der Aenderungen durch das 
Gesetz zur Ermoeglichung des Grossen Lauschangriffs, behandelt.

1. Wie heisst der derzeitige Wissenschaftsminister von Baden-
Wuerttemberg?
  O Edzard Reuter
  O Klaus von Trotha
  O Dagobert Duck

2. Was assoziieren Sie zum Stichwort "Oelsardinen"
  O Wohnsituation
  O Hoersaal
  O Asylanten
  O __________________
  O __________________

3. Von wem stammt die Einteilung in der Wissenschaften in 
Geistes- und Naturwissenschaften?
  O Wilhelm von Humboldt
  O Walt Disney
  O Wilhelm Dilthey

4. Was verbinden Sie mit Oelsardinendosen in einem Aquarium
  O Transparenz
  O Marokko
  O Freiheit
  O ___________________

5. Nennen Sie Hauptgegenstaende einer Hochschulreform
  O Humboldtsches Bildungsideal
  O Doppelpack
  O Fischstaebchen
  O______________

6. Wie lautet die Gretchenfrage?
  O Wieviele Sardinen passen in
      eine Dose?
  O Wie soll ich mein Studium 
      finanzieren?
  O Nun sag, wie hast Du's mit 
      der Religion?


Der ausgefuellte Bogen ist im Zentralen Fachschaftenbuero 
abzugeben. Wir moechten Sie darauf hinweisen, dass den 
Fachschaften, die sich nicht zu Erfuellungsgehilfen des 
Ministerium machen, die Gelder gestrichen werden.





IMPRESSUM

UNMUT

Nr. 1	18. Oktober '93
UNMUT erscheint:	einmal(ig)!!!!
Mitarbeit:	Bianca, Kirsten, Christia-
ne, Volker, Christhard, Andreas
Druck:	Druckwalze GdbR
Auflage:	2500
Fuer namentlich gekennzeichnete Beitraege ist der/die Autor(in) 
verantwortlich!
v.i.S.d.P:	F(ach)S(chafts)K(onferenz)
	Lauerstrasse 1
	6900 Heidelberg
	Tel.: 06221/542456/7





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Druckfassung

Erzeugt am 10.10.1993

unimut@stura.uni-heidelberg.de