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UNiMUT-Archiv:
VV-Extra vom 01.07.93



Inhalt des UNiMUT-Extra vom 1.Juli 1993 zur Uni-
VV

Die frohe Botschaft....
Erste Information zur Hochschulreform
Auszuege aus dem Eckwertepapier
Der Rektor im Rechenschaftsbericht
Termine
Impressum
Geschichte - Protestaktion
 FSK-Beschluss
Bildung ist Menschenrecht
Studiengebuehren, nur in BaWue


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Die Frohe Botschaft

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Erlass des 
Herrn von Trotha erging, dass alle Studiwelt 
geschroepfet werde. Diese Schroepfung war die erste 
seit langer Zeit und geschah, als Ulmer Rektor in 
Heidelberg war. Alle gingen hin, sich schroepfen zu 
lassen, ein jeder an seine Fakultaet. Auch Joseph zog 
von seiner Heimatgemeinde hinauf in die Kurpfalz 
an die Uni Helmuts, denn er war aus dem Hause 
und Geschlecht der GeisteswissenschaftlerInnen, 
um sich mit Maria, seiner Freundin, die 
Fachschafterin war, in die Schroepfungslisten 
eintragen zu lassen. Waehrend sie aber dort waren, 
begab es sich, dass sie eine Idee gebar. Und sie 
gebar ihre Idee, schrieb sie auf Flugblaetter und 
diskutierte sie unter Bruecken, weil es fuer Zimmer 
kein Geld mehr gab. Und in der selben Gegend 
waren Studis in ueberfuellten Hoersaelen und 
versuchten ihre Professoren zu erspaehen. Da trat 
eine Botin der Fachschaft zu ihnen und die 
Herrlichkeit studentischer Mitbestimmung 
umstrahlte sie und sie fuerchteten sich sehr. Die 
Botin sprach zu ihnen: "Fuerchtet euch nicht! Denn 
seht, ich verkuende euch eine grosse Freude, die allen 
Studis zuteil werden wird. Denn heute ist euch an 
der Uni Helmuts eine Idee geboren, naemlich die 
Armenspeisung fuer die BettelstudentInnen. Dies 
soll euch das Zeichen sein: Ihr werdet Brot finden 
in Flugblaetter eingewickelt auf Transparenten 
liegend." Ploetzlich war bei der Botin eine Menge 
begeisterter DemonstrantInnen, die die Idee lobten 
und sprachen:
"Weg mit den Studiengebuehren und freie Bildung 
fuer alle, die guten Willens sind!"
Lukas, Christiane, Schecki

Damit dies nicht Wirklichkeit wird, kommet zu 
Hauf zu Armenspeisung und Uni-VV!!! (Termine 
siehe unten)


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Erste Informationen zur Hochschulreform


"Jeder soll jederzeit und ueberall seine Chance 
haben. Weder Herkunft noch Besitz, weder Alter 
noch Konfession, weder Wohnort noch 
Geschlecht sollen die Chancengleichheit, sollen 
das Recht auf Bildung einschraenken." So hiess es 
in Willy Brandts Regierungserklaerung von 1970. 
Von den Reformideen des Hochschulausbaus der 
siebziger Jahre ist allerdings nicht viel geblieben. 
Inhaltliche Forderungen an eine Reform der 
Studieninhalte und des Studienaufbaus wurden bald 
aufgegeben, der Ausbau kontinuierlich gedrosselt. 
Seit kurzem wird aber wieder ueber derartige Pro-
bleme geredet.
Den ersten Schritt machten im Juli 1992 die 
RektorInnen, die im "Konzept zur Entwicklung der 
Hochschulen in Deutschland" das Modell 
entwickelten, nach dem die Masse der Studierenden 
in einem kleinen Schmalspurstudium abgefertigt 
werden soll. Weiter gingen die Finanz- und 
KultusministerInnen der Laender: sie forderten 
Studiengebuehren fuer die, die dieses verkuerzte 
Studium um mehr als ein Jahr ueberziehen; Wer zwei 
Jahre ueber der Zeit liegt, soll rausgeschmissen 
werden. Mitte Dezember schliesslich wurde in Bonn 
bekannt, dass der Wissenschaftsrat diskutiert, 
1000,- DM Studiengebuehren pro Semester zu 
erheben.

Modell Mensa: Massenabfertigung

Alle Vorschlaege laufen auf eine Zweiteilung hinaus: 
in ein sogenanntes "grundstaendiges Studium" an 
Universitaeten und Fachhochschulen (fuer die Mas-
sen) und ein "Aufbau- und Vertiefungsstudium" 
(ausschliesslich an Universitaeten), in dem nur noch 
wenige wirklich wissenschaftlich studieren koennen.
Die Einheit von Forschung und Lehre als die Ge-
meinschaft von Lehrenden und Lernenden, die 
schon heute nur selten realisiert wird, soll prinzi-
piell einer kleinen Gruppe der Studierenden vorbe-
halten bleiben.
Die Lehre soll den Wissenserwerb effektivieren. 
Neue Lernformen, wie Projektstudium oder 
forschendes Lernen werden nicht ernsthaft dis-
kutiert.

Demokratie oder Management?

Die derzeitigen Unistrukturen erinnern eher an das 
preussische Staendesystem, denn an eine 
demokratische Gesellschaft. Die ProfessorInnen 
besitzen in allen Gremien eine absolute Mehrheit. 
Entscheidungen werden daher von ihnen getroffen.
Entscheidungs- und Gestaltungsraeume der anderen 
beteiligten Gruppen werden eingeschraenkt, sie 
werden desintegriert und ihre Angehoerigen 
vereinzelt. Entscheidungen, die alle betreffen, wer-
den von einer kleinen Gruppe Priviligierter 
getroffen.
Ueber eine Zentralisierung der Entscheidungs-
kompetenzen in den Dekanaten bzw. Rektoraten 
sollen jetzt Mitbestimmungsmoeglichkeiten noch 
weiter eingeschraenkt werden. Die Unispitzen sollen 
als "Manager" ihrer Hochschulen vor allem fuer die 
Geldverteilung und die Einwerbung zusaetzlicher 
Drittmittel zustaendig sein.

Freiheit der Forschung?

Industrie, Forschungsgesellschaften und andere 
DrittmittelgeberInnen haben bereits heute starken 
Einfluss auf Inhalte und Ausrichtung der Forschung 
ohne dass dies transparent gemacht werden muss. 
Eine oeffentliche Diskussion ueber die 
gesellschaftliche Relevanz von Forschung findet 
kaum statt. Die Verknappung der oeffentlichen 
Mittel wird die Ausrichtung auf "verwertbare" For-
schung verstaerken - primaer zu Lasten der Geistes- 
und Sozialwissenschaften.

Verfehlte Bildungspolitik

Die Vorschlaege, Studiengebuehren und Zwangs-
exmatrikulation nach einer gewissen Ueberschrei-
tung der Regelstudienzeit einzufuehren, setzen den 
bisherigen Angriffen auf das Recht auf Bildung die 
Krone auf. Ueber Jahre hinweg waren Generationen 
von Studierenden gezwungen an Hochschulen zu 
studieren, die ruecksichtslos finanziellen Einsparun-
gen ausgesetzt wurden. Jetzt sollen sie fuer diese 
verfehlte Politik auch noch zahlen.
Wer jetzt Vorschlaege fuer Studiengebuehren 
einbringt, macht die Opfer zu TaeterInnen und lenkt 
vom eigenen Versagen ab. Ueber Jahre haben sich 
PolitikerInnen fuer die Lage an den Hochschulen 
nicht interessiert. Von 1977 bis 1990 stiegen die 
Zahlen der StudienanfaengerInnen um 78%. Das 
wissenschaftliche Personal wurde aber nur um 6%, 
die Hochschulraeume nur um 10,5% erhoeht. 
Die Hochschulen sind auf diese Art materiell 
heruntergewirtschaftet worden. Um sie trotz leerer 
Kassen und wachsender Studierendenzahlen funkti-
onsfaehig zu halten, muessen sie sich selbst beschnei-
den. Die Aushungerungstaktik laesst ihnen scheinbar 
keinen Ausweg, als die Studierenden staerker unter 
Erfolgsdruck zu setzen, an der Finanzierung zu be-
teiligen sowie die Forschung an finanzstarken Auf-
traegen Staat, Wirtschaft und Industrie zu orientie-
ren. - Zur Sicherung des "Standorts Deutschland".
Auch an den Hochschulen manifestiert sich die 
bekannte Tendenz, in Zeiten knapper Mittel 
Kosten auf Gruppen mit der schwaechsten Lobby 
abzuwaelzen.
Waehrend die Studierendenzahlen seit 1975 um 
88% gestiegen sind, ist der Anteil der Ausgaben 
fuer die Hochschulen am Bruttosozialprodukt 
(BSP) im selben Zeitraum von 1,32 % auf 1,12 % 
gesunken. Die gestrichenen 0,2 % entsprechen 9 
Milliarden Mark.
Von ueberzogenen Forderungen der Hochschulen 
kann also nicht die Rede sein.
Kirsten, Nicole



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...Politik wird auch ohne uns gemacht.



Auszuege aus dem "Eckwertepapier" der Bund-
Laender-Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des vor-
gesehenen bildungspolitischen Spitzengespraechs 
1993 (auch Bildungsgipfel genannt)
Praeambel: "Der Standort Deutschland muss auch in 
den Bereichen Bildung und Ausbildung sowie 
Wissenschaft und Forschung gesichert werden,..." 
[zu Lande, zu Wasser und in der Luft...d.Setzer]
A. Massnahmen im Hochschulbereich
_ 1.1 Differenzierung an Universitaeten zwischen
- theoriebezogenem, berufsqualifizierendem 
Studium und
- Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses 
fuer Taetigkeiten in Forschung und Wissenschaft; 
neben der Promotion in klassischer Form Schwer-
punktsetzung zugunsten einer weiteren Ausbaus 
der Graduiertenkollegs. (vgl. 2.2.5)
_ 1.2 Festlegung der Regelstudienzeiten 
einschliesslich Praxissemestern/-phasen und 
Pruefungen. [Ordnung muss sein! d.S.]
_ 1.4 Ausschluss von missbraeuchlichem 
Studienfachwechsel durch Einschraenkung der 
Zulassung und/oder Erhebung von Studiengebuehren 
[persoenliche Entscheidungsfreiheit = Missbrauch!! 
d.S.]
_ 2.1.1 Mittelzuweisung nach erfolgs- und 
qualitaetsorientierten Kriterien und unter 
Beruecksichtigung der Umsetzung der Studien-
strukturreform; dies gilt auch fuer 
Graduiertenkollegs.
_ 2.2.3 Bundesweite Einfuehrung des freien 
Pruefungsversuchs in geeigneten Faechern mit 
Hochschulabschluss- und Staatspruefung.
[Jedem Richter seinen Freischuss! d.S.]
_ 2.2.5 Beruecksichtigung des Studienerfolgs 
(Studienzeit, Mindestnote) bis zum 
berufsqualifizierenden Abschluss bei der Zulassung 
zur Promotion bzw. zum Graduiertenkolleg sowie 
bei Gewaehrung von Promotionsstipendien.
[8-Semester, Scheuklappen = wissen-
schafstauglich!?! d.S.]
C. Massnahmen im Bereich der Forschungspolitik
_ 2. Innovation
2.1 Die Rahmenbedingungen fuer den 
Technologietransfer sind mit dem Ziel zu 
verbessern, den personellen Austausch zwischen 
Hochschulen, ausseruniversitaeren 
Forschungseinrichtungen und Unternehmen zu 
erleichtern.
_ 2.3 Innovationskollegs fuer neue und mehrere 
Wissenschaftsbereiche uebergreifende 
Arbeitsgebiete koennen vor allem in den 
Hochschulen der neuen Laender geeignete 
Ansatzpunkte sein, um den Aufbau neuer 
Strukturen zu unterstuetzen. [...den Nutzen der 
Wissenschaft zu neuen und zu mehren: Kelloggs 
Cornflakes...d.S.]
_ 3.1 Im internationalen Vergleich for-
schungsbeeintraechtigende Wirkungen von 
Regelungen wie z.B. des Gentechnikgesetzes und 
von Arbeitszeit- und -schutzvorschrift
en sowie der Praxis bei ihrem Vollzug sind zu 
analysieren und ggf. abzubauen oder 
vorausschauend zu vermeiden, soweit sie zum 
Schutz anderer Rechtsgueter nicht zwingend erfor-
derlich sind.
[rechte Ratten! d.S.]

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Auszuege aus dem Rechenschafts-bericht des 
Rektors der Universitaet Heidelberg

Die (...) Haushaltslage und ihre gravierenden 
Konsequenzen fuer Stand und Entwicklung der 
Universitaetsressourcen machen es unverzichtbar, 
ueber die Erschliessung alternativer Finanzquellen 
nachzudenken, falls Bund und Laender nicht doch 
noch Wege finden sollten, durch neue 
Akzentsetzungen in der Haushaltspolitik Schaeden 
von den Universitaeten abzuwenden (...). Als derar-
tige Quelle kaeme die Wiedereinfuehrung von (...) 
Studiengebuehren in Betracht, wie sie in Hoehe von 
1000 DM pro Semester von der 
Wissenschaftskommission des Wissenschaftsrats 
im Herbst 1992 empfohlen (...) worden waren. 
Erinnert man sich daran, dass die Studiengebuehren 
in der Bundesrepublik erst vor rund 30 Jahren 
angesichts gesunder Staatsfinanzen (...) abgeschafft 
worden waren, so fuehrt kein Weg an der Frage 
vorbei, ob an dieser Entscheidung wirklich auch 
unter den deutlich veraenderten Bedingungen der 
90er Jahre festgehalten werden kann, oder ob die 
Geschaeftsgrundlage dafuer inzwischen entfallen ist. 
Die Frage liegt auch deshalb nicht fern, weil 
ausserhalb der ehemaligen Ostblockstaaten 
Deutschland neben Daenemark, Luxemburg, 
Oesterreich und Griechenland das einzige Mittel-
oder Westeuropaeische Land ohne Studiengebuehren 
ist, so dass von einem Grund- oder gar 
Menschenrecht auf "kostenlose Bildung" (...) nicht 
ernsthaft gesprochen werden kann.
(...) darin, dass es einen "sozialen NC" selbst bei 
aeusserst knappen Staatsfinanzen nicht geben darf, 
ist den Bildungspolitikern zuzustimmen. Dem laesst 
sich jedoch ohne uebermaessige Schwierigkeiten 
schon dadurch Rechnung tragen, dass nicht nur die 
BAFoeG-Empfaenger Gebuehrenbefreiung beantragen 
koennen, [beantragen!!!? d. Setzer] sondern dar-
ueberhinaus auch diejenigen Studierenden, die 
angesichts der Einkommens- und Vermoegenslage 
der Eltern nur mit beschraenkter finanzieller 
Unterstuetzung von zuhause rechnen koennen, oder 
aus sonstigen Gruenden gezwungen sind, ihr 
Studium selbst zu finanzieren. Selbst wenn man 
diesen Anteil grosszuegig mit ca. 50% aller 
Studierenden bemisst [bereits heute arbeiten 66% 
aller Studis, 28% weden BAFoeG-gefoerdert...!!! d. 
Setzer], wuerde das verbleibende Gebuehren-
aufkommen doch fuer mittlere und grosse 
Universitaeten mindestens zweistellige 
Millionenbetraege erreichen. [...Es folgen 
Zahlenspielchen d. Setzer...].

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Termine

Mittwoch, 30.06.93
_19.30 Vortrag: Faktizitaet und Geltung; Prof. Dr. 
Juergen Habermas; Alte Aula

Donnerstag,  01.07.93
_11.00 Hearing der LAK (Landesastenkonferenz) 
Baden-Wuerttemberg mit der SPD-Fraktion zur 
Hochschulpolitik (Bericht auf der VV)
_12.30 Uniplatz: Armenspeisung; im Anschluss 
Diskussion wg. Studiengebuehren
_12.30 Mensa INF Beginn Fahrraddemo in die 
Altstadt gegen Studiengebuehren
_17.00 Uniplatz oder Neue Uni: Uni-Voll-
versammlung mit Rektor Ulmer
_20.00 AK Hochschulreform

Freitag, 02.07.93
_ab 17.00, ZFB, Lauerstr.1, Beginn des 
Einfuehrungswochenendes der FSK in Unistrukturen 
und Hochschulreform
_20.00 Podiumsdiskussion: "25 Jahre nach '68 - 
Was bleibt? Bleibt Was?; Aula Neue Uni
_20.00 Atlas-Fete; Fachschaft Geographie; 348

Samstag, 03.07.93
_ ab 11.00 Fortfuehrung des 
Einfuehrungswochenendes der FSK (s.o.)

Mittwoch, 07.07.93
_ 19.00 Referat mit Diskussion: "Revolution der 
roten Talare?" Reformansaetze von '68 am Beispiel 
der Hamburger Notstandsvikare; Karlstr.16, HS 
007
_ letzter UNiMUT im Semester.






IMPRESSUM
UNiMUT - Zeitung an der Uni Heidelberg
Studiengebuehren	30. Juni '93
UNiMUT erscheint:	alle 2 Wochen(?!)
Redaktionsschluss:	Sonntags, 1700 Uhr
Mitarbeit diesmal:	Schecki, Kirsten, Christiane, 
Andreas, Nicole, Lukas, Michael, d.Setzer
Druck:	Druckwalze GdbR
Auflage:	3000
LeserInnen-Beitraege: 	sind jederzeit er
wuenscht & sollten nur in Ausnahmefaellen 2 DIN-A-
4-Seiten ueberschreiten.
Fuer namentlich gekennzeichnete Beitraege ist 
der/die Autor(in) verantwortlich! Die Redaktion 
behaelt sich sinnvermehrende Kuerzungen und 
kostenlose, orthographische Dienstleistungen vor!
v.i.S.d.P:	F(ach)S(chafts)K(onferenz)
	Lauerstrasse 1
	6900 Heidelberg
	Tel.: 06221/542456/7


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Rechenschaftsbericht des Rektors


In der letzten Sitzung des Grossen Senats der 
Universitaet am 7.Juni schlug der Rektor vor, 
Studiengebuehren von 2000,- pro Jahr einzufuehren. 
Er will hiermit die schlechte Finanzlage der 
Universitaet aufbessern. Ausgenommen werden 
sollen BAfoeG-EmpfaengerInnen und sozial 
schlechter gestellte Studierende (vgl. UNiMUT 70 
und Artikel "Rechenschaftsbericht").
Letzten Donnerstag organisierte die Fachschaft 
Geschichte die erste Protestaktion gegen 
Studiengebuehren. Um auf die sozialen Folgen von 
Studiengebuehren aufmerksam zu machen, waehlte 
sie die Form einer Armenspeisung. Arm war die 
Speisung wirklich, nicht mal ein Mensaessen hat sie 
ersetzt, aber schliesslich hatte man auch nicht mit so 
vielen Leuten gerechnet.
Eigentlich sollte nur informiert werden. 
Protestpostkarten an den Rektor der Universitaet, 
Peter Ulmer, wurden fertig frankiert verkauft, 
jedoch reichten die 600 Stueck nicht.
Spontan bildeten rund 1000 Studierende einen 
Demonstrationzug durch die Hauptstrasse und durch 
die Ploeck zurueck zum Rektorat. Dort wurde 
lautstark ein Gespraech mit Peter Ulmer gefordert, 
aber die Tueren der Alten Uni waren verschlossen. 
Schliesslich verkuendetet sein Pressesprecher seine 
angebliche Abwesenheit bekannt und vertroestete 
die Anwesenden mit der Zusage, sich fuer ein 
Gespraech einzusetzen.


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Die Fachschaftskonferenz (FSK) der Universitaet 
spricht sich aus folgenden Gruenden gegen 
Studiengebuehren aus:
1. Ihre Einfuehrung verschaerft den sozialen NC, der 
besonders in sozialschwachen und bildungsfernen 
Schichten sowie bei Frauen zum Abbruch des 
Studiums fuehrt bzw. seine Aufnahme verhindert. 
Rektor Ulmer geht davon aus, dass etwa 50% der 
Eltern von Studierenden den angestrebten Betrag 
von 2000 DM pro Jahr aufbringen koennten. Wir 
bezweifeln diese unbelegte Schaetzung _ bereits 
heute sind 56% der Studierenden waehrend des 
Semesters auf studienzeitverlaengernde 
Erwerbsarbeit angewiesen. Schon jetzt ist es fuer 
viele Studierende kaum moeglich, die teilweise 
ueberhoehten Kosten fuer Miete, Lebenshaltung und 
Lernmittel aufzubringen. Insbesondere in den 
neuen Laendern, in denen es aufgrund der hohen 
Arbeitslosenquote fast kaum freie Jobs mehr gibt 
und fuer Studentinnen, denen aufgrund schlechter 
bezahlter Stellen monatlich durchschnittlich 100,- 
weniger zur Verfuegung stehen, ergaeben sich 
unvertretbare Haerten. Voellig diskriminiert werden 
Studierende, die - wie beispielsweise die 14-15% 
Teilzeitstudierenden - nur einen Teil ihres 
Zeitbudgets auf das Studium verwenden und 
dadurch insgesamt mehr als finanziell besser 
gestellte Studierende zahlen muessten.
2. Studierende verzichten fuer eine erhebliche Zeit 
auf ein eigenes Einkommen, dieser "Rueckstand" 
wird nicht automatisch ueber die Lebensarbeitszeit 
aufgeholt.
3. Prinzipiell ist die Finanzierung der Ausbildung 
Volljaehriger in Abhaengigkeit von den Eltern 
abzulehnen. Die Studienfinanzierung wird so zum 
Druckmittel. Dies steht im Gegensatz zu der in der 
Ausbildung angestrebten Unabhaengigkeit.
4. Die bestehende staatliche Finanzierung der 
akademischen Ausbildung ist grundsaetzlich 
gerechtfertigt. Eine Finanzierung der Hochschulen 
durch die Studierenden ist nicht zu vertreten. Eine 
dem Anspruch nach demokratische Gesellschaft 
kann die Erfuellung individueller Bildungswuensche 
und -chancen nicht vom Geld abhaengig machen. 
Bildung hat nicht nur individuellen Wert, sondern 
ist auch gesamtgesellschaftlich bedeutsam: Die 
Bundesanstalt fuer Arbeit prognostiziert eine 
Steigerung des Bedarfs an AkademikerInnen im 
Beschaeftigungssystem von heute 12,8% auf 18 - 
22%.

Die Bestrebungen, Studiengebuehren einzufuehren, 
entsprechen der allgemeinen Tendenz, in Zeiten 
knapper Mittel, Kosten auf familiaere 
Zusammenhaenge oder auf Gruppen mit der 
schwaechsten Lobby abzuwaelzen. Der Anteil der 
Ausgaben fuer die Hochschulen am 
Bruttosozialprodukt ist seit 1975 von 1,32% auf 
1,12% gesunken. Wuerde man alleine bei den 1,32% 
bleiben, waeren das 9 Milliarden DM mehr. 
Beruecksichtigt man, dass im gleichen Zeitraum die 
Studierendenzahlen um 88% gestiegen sind, kann 
jetzt wohl keine Rede von unangemessen hohen 
Ausgaben fuer die Hochschulen sein. Noetig ist 
vielmehr ein gesteigertes Engagement des Staates 
fuer die Hochschulen.


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Bildung ist Menschenrecht
Bildung fuer alle Menschen, die guten Willens sind, 
das koennte die Maxime einer Universitaet sein, die 
sich als offene, demokratische und patizipatorische 
verstehen will. Stattdessen verschreibt sie sich zur 
Zeit einer Reformstrategie, die auf ganz andere 
Dinge abzielt: Zum Programm wird die 
"Studienzeitverkuerzung" gemacht. Freilich ohne 
Diskussion um Inhalte oder Ziele des Studiums. 
Ziele der "Reform" sind so auf den ersten Blick 
nicht zu erkennen. Schaut man sich allerdings 
Papiere von staatlicher Seite an, ist der 
Ansatzpunkt immer die Sicherung des "Standortes 
Deutschland".
Studium & Arbeitsmarkt
Damit ist die Katze aus dem Sack: Es geht um die 
Infrastukturkosten des Wirtschaftsstandortes 
Deutschland - im Vergleich mit anderen Laendern im 
Wettbewerb um internationales Kapital, aber auch 
fuer hier angelegtes. Die Lebensarbeitszeit der 
Vollarbeitenden soll erhoeht werden, indem wir 
frueher in den Beruf gehen. Da tut sich schon die 
grosse Frage auf: Es gibt in der Bundesrepublik eine 
betraechtliche Zahl an Arbeitslosen, nicht nur unter 
AkademikerInnen. Die Strategie "Lebensarbeitszeit 
erhoehen" treibt die Spaltung in Vollarbeitende und 
Arbeitslose voran - anscheinend gesamtwirt-
schaftlich billiger; welch humane Arbeits-
marktpolitik da getrieben wird, mag jedeR selbst 
beurteilen.
"Standort Universitaet"?
Aber das Standortdenken hat ja nun auch 
Auswirkungen auf das Denken ueber die Universitaet. 
Die Kosten muessen gesenkt werden: ueber die 
Studienzeitverkuerzung. Einmal mehr werden die 
StudentInnen damit nicht als studierende, 
wissenschaftsinteressierte Subjekte angesehen, 
sondern als eine moeglichst schnell durchzuschleu-
sende Masse. Als eine Ursache der "zu langen" 
Studienzeiten wird oft das Argument 
"Orientierungslosigkeit" angefuehrt - die natuerlich 
mit Hilfe von mehr Reglementierungen und 
Einschraenkungen behoben werden soll. Es ist ja 
auch einfacher, alles zu regeln als sich ernsthaft den 
Kopf zu zerbrechen warum Studierende das Stu-
dienfach wechseln, lange studieren, Kritik ueben, bei 
Studienordnungen und Berufungen entscheidenden 
Einfluss nehmen wollen. Die StudentInnen als 
artikulationsfaehige Subjekte wahrzunehmen, hiesse 
aber, sich als HochschullehrerIn selbst in Frage zu 
stellen; Sinn der Uebung muss aber sein, die 
Rahmenfaktoren sprich die Studierenden zu 
optimieren.
Krisen werden gemacht!
Veraenderungen lassen sich aber am besten 
durchsetzen, wenn sie dringlich scheinen, also 
werden Krisen produziert. Die Krise an den Uni-
versitaeten ist nun seit 18 Jahren planmaessig 
gefoerdert worden (der Anteil staatlicher Ausgaben 
fuer Hochschulbildung am Bruttosozialprodukt ist 
von 1,32% auf 1,12% (1991) gesenkt worden - bei 
um 80% gestiegenen StudentInnenzahlen!). Jetzt 
wird seit ca. einem Jahr die Krise ausgerufen: Die 
Legitimation fuer Handlungsbedarf von oben.
Menschenrechte statt Standortlogik
Wer sich einmal auf den Ausgangspunkt "Standort 
Deutschland" fuer Diskussionen um Universitaet oder 
Arbeitsmarkt etc. einlaesst, hat schon verloren! 
Abstrakte Interessen sind letzlich immer gegen die 
konkreten Interessen der Menschen gerichtet, die 
Opfer dieses Denkschemas werden. Eine Ge-
genstrategie in der Diskussion muss sein, auf den 
Rechten der Menschen zu beharren - gegen die vor-
geblichen "Interessen" eines abstrakten Denkens:
* Fuer das Recht auf Wohnen gegen die Logik des 
Wohnungsmarktes (die zu immer hoeheren Mieten 
fuehrt),
* fuer das Recht auf Arbeit gegen die Logik des 
Arbeitsmarktes (die zu immer weniger 
Arbeitsplaetzen fuehrt),
* fuer das Recht auf Bildung gegen die Logik des 
"Bildungsstandortes Deutschland", die zu immer 
weniger Wissenschaftlichkeit des Studiums fuehrt.
Andreas





Den Rechenschaftsbericht des Rektors gibt es 
kostenlos bei der Pressestelle der Universitaet in der 
alten Uni.


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Die Wissenschaft bin ich!

Studiengebuehren, Interessenvertretung und 
Wissenschaft - der Wissenschaftsminister hat alles im 
Griff


Dies ist kein Artikel ueber die Politik des 
Wissenschaftsministers v.Trotha, die inzwischen von 
allen Seiten vehement kritisiert wird. Hier sollen nur 
exemplarische Aeusserungen zu Studiengebuehren und 
Meinungsaeusserungen von Studierendenvertretungen 
wiedergegeben werden.
V.Trotha betont die Freiheit. Freiheit heisst 
Verantwortung. Verantwortungsbereitschaft muss 
gefoerdert werden. V.Trotha sieht die Aufgabe der 
staatlich finanzierten Hochschulen darin, einen 
Abschluss zu ermoeglichen - innerhalb von 8 Semestern. 
Danach beginnt die Kostenbeteiligung, denn zur 
Verantwortung gehoert der verantwortungsvolle 
Umgang mit Zeit und Mitteln. Wenn Studierende sich 
dagegen wenden, hoert rationales Denken auf und die 
Interessenvertretung beginnt. Diese lehnt er ab.
Bereits 1989 setzte er sich fuer die Zurueckdraengung der 
"Substrukturen" ein, die sich in Ba-Wue anstelle der 
1977 abgeschafften gesetzlichen 
Studierendenvertretungen gebildet haben. In einem 
Interview erklaerte er unlaengst, dass er nicht die Absicht 
habe, auf Ueberlegungen einzugehen, hinter denen 
"grundsaetzliche ideologische Ueberlegungen" stuenden.
Als wir ihn auf dem Wissenschaftsforum der GEW am 
letzten Samstag in Freiburg fragten, ob er schon 
wissenschaftliche Gutachten zu seinem Konzept der 
Studiengebuehren eingeholt habe (es ging uns hierbei 
v.a. um die Aspekte Durchfuehrbarkeit, 
Sozialvertraeglichkeit, Abwaegung mit 
Alternativkonzepten), erklaerte er jovial laechelnd, dass 
er seine Ideen erst mal so entwickle. Er habe aber 
gerade pruefen lassen, wie seine Vorstellungen per 
Erlassen und Gesetzesaenderungen auch isoliert in 
BaWue eingefuehrt werden koennten. Nach der 
Sommerpause werde er sich an die Umsetzung 
machen.
Zur Rolle "des Koalitionspartners" bemerkte er 
sinngemaess, sobald die SPD in einer grossen Koalition 
sei, werde sie vernuenftig und stimme solchen 
Vorschlaegen zu.
Kirsten




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Druckfassung

Erzeugt am 10.10.1993

unimut@stura.uni-heidelberg.de