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UNiMUT aktuell -- Mai 2002

Heute keine Gewaltdarstellungen (03.05.2002)

Wir unterstützen das Anliegen der Herren Stoiber, Schröder und Schily, die Darstellung exzessiver Gewalt in den Medien zu beschränken. Deshalb berichten wir heute nicht

  • über die nicht immer ganz verhinderten Naziaufmärsche am vergangenen ersten Mai
  • über die neuen Entwicklungen bei der erneuten Novellierung des Hochschulrahmengesetzes
  • über den neuesten Irrsinn, den das CHE -- gesponsort von Bertelsmann, der Bumm-Bumm-Sender wie RTL 2 betreibt -- zu Zeit wieder für Studiengebühren und gegen Studis ausbrütet
  • über Radio Andernach ("die Brücke zur Heimat"), das seinen Sendebetrieb für "unsere Jungs" in Kabul aufgenommen hat.

Stattdessen weisen wir euch darauf hin, dass sich auch heute wie an jedem ersten Freitag im Monat -- Regen hin, Nebel her -- um 17 Uhr am Uniplatz ein paar nette Leute zur Critical Mass Heidelberg treffen werden und dass danach um 20 Uhr ein mit Szenen exzessiver Gewalt gespickter Film über die nicht gebaute WAA in Wackersdorf im Gumbelraum im Karlstorbahnhof laufen wird.

Unseren Mitmedien von ZDF, SAT.1 und ntv empfehlen wir schließlich, statt dauernder Beiträge über Derrick, Bond und Scharping lieber mal was zur Situation der wissenschaftlichen Hilfskräfte an den Hochschulen zu senden. Die WiHis sind sozusagen die Leibeigenen im spätfeudalen Ständestaat Universität -- ohne Urlaubsanspruch, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder auch nur rudimentären Kündigungsschutz dienen sie vor sich hin. Spätestens im Dritten Jahrtausend sollte es so etwas nicht mehr geben, und so hat sich die Bundesweite Tarifvertragsinitiative der Studentischen Beschäftigten gebildet, die auch gleich ein recht lesenswertes Papier mit "vielen guten Argumenten für sowie einigen schlechten Argumenten gegen einen Tarifvertrag" produziert hat. Ob sich die kleine Broschüre der Darstellung exzessiver Gewalt schuldig macht, hängt wohl von eurem Gewaltbegriff ab.

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Wusstet Ihr schon... (08.05.2002)

...was eine echte Alternative zur Dusche ist? Na ja, die Chorproben der Cappella Carolina tun wohl wenig für die persönliche Hygiene, aber wer gern singt und langfristig auch über das Niveau der Badezimmermusik hinauskommen will, kann dort üben, in diesem Semester übrigens Händels Messias, und am Ende des Semesters (vom 3. bis 7. Juli) dreimal öffentlich singen. Menschen, denen diese Aussicht nicht unangenehm ist, findeen unter http://www.capellacarolina.de die nötigen Details.

...dass ihr auch beim Chor der ESG mitsingen könnt? Konzert ist hier am 14.7., auf dem Programm stehen Reger, Schütz und Distler. Nähere Informationen gibts hier unter http://www.listen.to/esg.kantorei.heidelberg.

...dass das Rektorat seine 12 Leitpunkte jetzt als Hochglanzkarton rausgebracht hat? Die Redaktion weist auf folgenden Satz des zugehörigen Anschreibens für die SenatorInnen hin: "Für konkrete Vorschläge, die dem Erreichen des einen oder anderen Leitpunkts förderlich sein könnten, ist das Rektorat Ihnen dankbar." Vielleicht können sich z.B. Politikstudis mit Leitpunkt 12 befassen: "Das Verhältnis zwischen der Universität und der Politik auf allen Ebenen wird weiter auszubauen und zu optimieren sein." Die Antwort der Redaktion sei schon verraten: zu Lande, zu Wasser und in der Luft!

...dass die GEW Seminare für Studierende veranstaltet, an denen ihr teilnehmen könnt, auch wenn ihr nicht Mitglied der GEW seid? Die Themen reichen von Rhetorikseminaren zu Studiengebhren, von Seminaren, auf denen man Präsentieren lernt bis hin zu einem Seminar über die Auswirkungen des GATS auf die europische Hochschulpolitik. Die Redaktion empfiehlt natrlich letzteres und hofft auf reges Interesse seitens ihrer LeserInnen. Eine Auswahl dieser Seminare findet ihr auch bei uns.

...was das Stockholm-Syndrom ist? Die Idee ist im Wesentlichen, dass Opfer von Gewalttaten sich mit ihren Peinigern identifizieren. Ein gutes Beispiel fürs Stockholm-Syndrom ist das gerade hinter uns liegende "Symposium" des Heidelberger Clubs für Wirtschaft und Kultur, während dessen Studis alljährlich mit großem Elan allerlei Konzernchefs, Professoren und Generäle einladen und sich von ihnen dann erzählen lassen, wie die Welt funktioniert. Ein anderes Beispiel ist die Initiative Wertpapier Heidelberg, ein Verein, in dem Studis begeistert Börsenspiele machen und gleich noch andere Studis ebenfalls dazu bringen wollen, etwas Geld in die große Abzocke im Namen des Shareholder Value zu infundieren. PsychologInnen unter unseren LeserInnen seien beide Gebilde zum Studium anempfohlen.

...dass das Baden-Württembergische Modell für soziale Auswahl ein Exportschlager ist? Endlich scheint auch Nordrhein-Westfalen alle Scheu zu verlieren, die sozialdemokratischen Ideale gerechter Bildungsbeteiligung endgültig über Bord zu werfen und will sowohl Einschreibe- als auch Strafgebühren in im Ländle gewohnter Höhe (50 bzw. 500 Euro) einführen. Das jedenfalls verlautete von NRW-Staatssekretär Hartmut Krebs am Rande der letzten HRK-Sitzung. Schaun mer mal, was die diversen Studierendenschaften dort so dazu zu sagen haben.

Walter I. Schönlein

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Bekannt verzogen (08.05.2002)

Das Zentrum für Studienberatung und Weiterbildung (ZSW) hat früher in der Seminarstraße 2 (CA) Studierende beraten, die nicht wussten, wie oder was sie studieren sollen. Mittlerweile besteht es aus drei Abteilungen, die in der Ebertanlage 62, der Bergheimer Straße 10 und der Friedrich-Ebert-Anlage 22-24 sitzen, nämlich der Zentralen Beratungsstelle, den Schlüsselkompetenzen und der Wissenschaftlichen Weiterbildung. Dies führt, wie im jetzt vorgelegten Jahresbericht des ZSW nachzulesen ist, dazu, dass 2001 nur noch 2970 Studierende zu persönlichen Beratungsgesprächen kamen, während es 1999 noch 6489 waren. Immerhin: Die telefonischen Auskünfte glichen diese Entwicklung aus: Waren es 1999 erst 7687, erreichte ihre Zahl 2001 bereits 10870.

Dem ZSW ist zu bescheinigen, im Jahresbericht nichts zu schönen. Gnadenlos wird deutlich, dass der Leitung (Andreas Barz plus Sachbearbeiterin) zwei Stellen, für die eigentliche Beratung dagegen nur 1 3/4 Stellen zur Verfügung stehen. Noch wasserköpfiger wirkt die Abteilung Schlüsselkompetenzen -- ihr Name klingt zu Recht ein wenig blumig (Aufgabe: "Unterstützung der Fakultäten bei der Verbesserung der (Aus-) Bildungsqualität", was immer das sein mag). Das hindert sie nicht, 4.25 Stellen zu verbraten: Zweieinhalb Mal mehr Arbeit fließt also in recht vage Projekte zur Förderung einer wie immer bestimmten "Qualität" -- warum auch Unterschiede machen zwischen Videorecordern und einer Topologievorlesung? -- als in die eigentliche Kernaufgabe der Studierendenberatung.

All das soll noch schlimmer werden, plant doch das ZSW ein "Career Center", dessen "Nukleus" schon jetzt im so genannten Ausbildungsprogramm "Berufsvorbereitung" gesehen wird. Diese Kurse, je für ein paar hundert Euro zu belegen, gehen über so tolle Themen wie "Teamarbeit", "Modernes Büromanagement" oder "Kreativitätstechniken". Dementsprechend finden sie auch mal mit 5 TeilnehmerInnen statt oder fallen wegen Desinteresses ganz aus. Es spricht für das Kosten-Nutzen-Empfinden der Heidelberger Studierenden, dass an den 13 Kursen, die es in diesem Feld gegeben hat, nur insgesamt 128 Leute teilgenommen haben.

Mit dem Career Center gehts trotzdem munter weiter -- erst gestern gabs in der Neuen Uni eine "Kontaktbörse", von deren laut Uni-Pressestelle "großer Resonanz" die Redaktion bei einem Kontrollgang nach der Mensa (Diagnose: nicht artikelwürdig) nichts merkte. Dass das Carreer Center "kostenpflichtig" sein wird und -- wie bereits jetzt die Abteilung Wissenschaftliche Weiterbildung des ZSW -- auf die "qualitative Exzellenz und Exklusivität der Angebote" bedacht sein wird, darauf wetten wir. Kontaktbörsen mit drei ernstzunehmenden Firmen lassen da sehr hoffen.

Interessierte können ein Exemplar des Jahresberichts im ZFB goutieren.

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 09.02.2005

Jobs p.d. (08.05.2002)

Bei einem Treffen der StudiendekanInnen mit der Prorektorin für die Lehre am 23.April wurde den Versammelten Interessantes verkündet. So unter anderem, dass zukünftig bei der Einführung von Studiengängen darauf zu achten ist, dass ein und dieselbe Veranstaltung nicht für den BA und den herkömmlichen Magister- bzw. Diplomstudiengang zugleich angeboten werden kann. Und zwar deshalb, weil der BA per definitionem berufsqualifizierend ist und der Magister nicht.

Die Konsequenzen: kleinere Fächer wie Computerlinguistik können so vermutlich nicht beide Studiengänge gleichzeitig anbieten, und auch größere Fächer werden Probleme bekommen, zwei Studiengänge komplett parallel anzubieten. Man muss auch fragen, wie sich z.B. berufsqualifizierende Progammier-, Mathe- oder Grammatikurse von solchen unterscheiden, die nicht berufsqualifizierend ist. Das Ministerium wird sich hierüber aber sicher keine Gedanken gemacht haben, sondern vielmehr ein altes Ziel damit verfolgen: die Magisterstudiengänge flächendeckend durch BA- und MA-Studiengänge zu ersetzen.

Ein weiteres interessantes Informationhäppchen, das beim Treffen transpirierte ist aber auch, dass sich die Innenminister jüngst bei einem Treffen nicht darauf einigen konnten, wie BA- und MA-AbsolventInnen eingestellt werden können sollen. Derzeit also können AbsolventInnen der neuen per definitionem berufsqualifizierenden Studiengänge im öffentlichen Dienst nicht auf Einstellung hoffen, zumindest nicht für den gehobenden und höheren Dienst. Die Redaktion empfiehlt bis zur Entscheidung der Minister ein Diplom oder herkömmlichen Magister machen, denn dann hat man neben einem berufsqualifizierendem Abschluss auch einen, mit dem man in den öffentlichen Dienst gehen kann.

Heidelberg übrigens muss sich ranhalten in den Augen des Ministeriums -- bisher hat es die wenigsten Bachelor- und Masterstudiengänge in Baden-Württemberg. Doch wer meint, im Grunde könne man ja immerhin ganz viele tolle und auch wirklich berufqualifizierende Studiengänge planen: für Details der Prüfungsordnungen gibt es Eckwerte. Diese Eckwerte regeln, wie neue Studiengänge zu gestalten sind ("Stärkung der Entscheidungskompetenzen“ nennt man dieses Verfahren im Rahmen der "Hochschulautonomie“). Das Wissenschaftsministerium hat jetzt eine überarbeitete Fassung der Eckwerte für BA/MA-Studiengänge erlassen. Wichtige Änderung sind z.B., dass nun in allen BA-Studiengängen Abschlussarbeiten geschrieben werden müssen und dass der Zugang zum Masterstudium neben einem berufsqualifizierendem Abschluss von weiteren Zugangsvoraussetzungen abhängen soll (bisher: kann). Dieser Punkt ist allerdings nur die Umsetzung einer Entscheidungder KMK vom 14.12.01 .

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Nur Bayern hat Probleme mit Bachelors (Nachtrag zum 8.5.) (10.05.2002)

In einem klandestinen Umlaufverfahren (das zum Beispiel an der Uni Heidelberg nicht bekannt wurde - vgl. Jobs p.d.) haben sich die Innenminister der Länder über die laufbahnrechtliche Einordnung der Bachelor/Master verständigt. Auf der Innenministerkonferenz im Juni wurde das Thema von der Tagesordnung genommen, aber nicht weiter publik gemacht, dass schon am 17.4. ein Beschluss dazu gefasst worden war. Und der sieht so aus:

Sämtliche FH-Abschlüsse (BA, Diplom und MA) und BA Uni werden in den gehobenen, die Uni-Abschlüsse MA und Diplom in den höheren Dienst aufgenommen. In Bayern gilt eine Sonderregelung: Bachelor (FH und Uni) wird in den mittleren Dienst eingestuft. Infos darüber, wie das vor allem die FH-Studis finden, gibt es bei der FH Münster .

Nach diesem Beschluss kann in den mittleren Dienst in Bayern, wer einen Bachelorabschluss gemacht hat. Im Rest der Republik kann in den gehobenen Dienst, wer an der Uni oder der FH einen Bachelorabschluss oder an der FH einen Diplom- oder Masterabschluss gemacht hat; in den höheren Dienst kann, wer an der Uni einen Diplom- oder Masterabschluss gemacht hat. Der gut verschwiegende Beschluss findet sich übrigens sehr verborgen beim Bremer Innensenator.

NACHTRAG (25.05.02): Auch Minister Frankenberg ist eher für eine Gleichbehandlung von FH- und Uni-Mastern, wie er in einer Presseerklärung am 22.5.02 erklärte. Der Minister erklärte aus diesem Anlass einmal mehr, dass BA/MA flächendeckend eingeführt werden sollten "gut für die Studierenden" sind. Zudem kämen sie den "Anforderungen der Arbeitgeber nach kürzeren Studienzeiten und stärkerem Berufsbezug entgegen". Und das gelte auch für den Öffentlichen Dienst.

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Immer wieder ergreifend: Der Landesvater spricht in Heidelberg (10.05.2002)

Am 30.4. durften wir freudig erregt aus den Betten springen, denn der Rektor der Universität Heidelberg hatte zu einem Vortrag des Ministerpräsidenten zum Thema Hochschulpolitik geladen. Das Auditorium -- nicht gerade handverlesen, aber dennoch elitär angehaucht -- sammelte sich in der Aula der Alten Universität und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem obligatorischen Willkommen des Universtätsrektors Hommelhoff. Seine weisen Worte darüber, dass es im Studium nicht nur um Fachkompetenz ginge, sondern auch Respekt vor anderen oder Dialogfähigkeit zu entwickeln seien, verloren durch die Dreistigkeit etwas an Glanz, mit welcher er der Zuhörerschaft die genaue Kenntnis diverser Reden des Ministerpräsidenten unterstellte.

Ein jeder, so Hommelhoff, erinnere sich noch der Rede Teufels, mit welcher er 2000 die Feier des 100. Geburtstags von Hans Georg Gadamer geziert hatte. Zumindest die Heidelberger Studierenden dürfte diese Feststellung gelinde überrascht haben, denn seinerzeit hatten nur ganze drei von ihnen Einlaß in jene Halle gefunden, in welcher der anerkannte Philosophie-Experte Teufel sich zu den Gedanken Gadamers geäußert hatte. Aber das übrige Publikum wusste zweifelsohne Bescheid, ebenso wie es eine weitere von Hommelhoff erwähnte Rede Teufels detailgenau zu kennen schien. In dieser soll sich Teufel in München gegen die Enthauptung von Dissidenten ausgesprochen haben. Ein warmer Applaus folgte.

Man durfte also erfreut sein über die Tatsache, daß der Ministerpräsident eines Bundeslandes die freiheitlich-demokratische Grundordnung schätzt und respektiert. Und schon ging die Freude weiter: Teufel erhob sich und dankte Ehrensenator Lautenschläger für die Spende etlicher Millionen, die zum Bau eines Kinderkrankenhauses verwendet würden. Erneut freundlicher Beifall. Dann stieg der Ministerpräsident in die Bütt.

Wettbewerb, das war das Credo des Landesvaters. Wir erfuhren, dass es in den USA ganz viel davon gibt und dass alle Universitäten deshalb so toll sind wie Stanford oder Harvard. Er musste es ja wissen, denn schließlich war er ganze zwei (zwei!) Wochen durch jenes vielgelobte Land gefahren und hatte sich so die Informationen beschafft, die man braucht, wenn man Hochschulen reformieren will. Es dürfe nicht sein, so der Vielgereiste weiter, dass ideolgischer Ballast aus den 70-ern die Fahrt jener Flotte verlangsame, welche er nie genau benannte, als deren "Flaggschiffe" er aber die Universitäten nannte. Deshalb über Bord mit der Subsidiarität im deutschen Bildungswesen, hissen wir die schwarze Flagge der Autonomie! Sobald diese über unseren Schiffen weht, so konnte der mitgerissene Zuhörer ahnen, stehen den deutschen Bildungsinstituten nicht nur die Sieben Weltmeere offen, sondern auch die dazugehörigen Küsten und diverse Plätze an der Sonne samt Liegestühlen.

Bevor irgendein gottloser Klabautermann an dieser Stelle bösartige Verleumdungen vermutet, sollte eingeschoben werden, dass die Zuhörer ganz auf ihre Phantasie zurückgreifen mussten, um sich das Anliegen des Ministerpräsidenten vorstellen zu können: Denn es folgte keine Definition von "Wettbewerb" oder "Autonomie". Also weiter. Wettbewerb und Autonomie! Freilich müssen irgendwelche Assyriologen oder Germanisten nicht befürchten, jetzt ebenso den Jolly Roger hissen zu müssen wie die für den internationalen Kaperkrieg ungleich besser gerüsteten Volkswirtschaftler oder Juristen. Wenn es auf den Weltmeeren der Bildung demnächst vorrangig um die Rekrutierung internationaler Elitestudenten und die Erbeutung dicker Truhen voller Drittmittel gehen soll, so dürfen auch Geist, Kultur und Religion doch nicht gänzlich fehlen.

Das solle uns (das Geschwader Baden-Württemberg) freilich nicht davon abhalten, weitere Einsparungen an den Universitäten vorzunehmen, hoho. (Schließlich wurde ja in den letzten Jahren soviel darin investiert. Oder etwa nicht?) Denn das eine Bildungswesen ist dem anderen ein Wolf, so ergibt sich aus unseren Ahnungen schlüssig. Und im Hobbes´schen Naturzustand kann keine Rücksicht auf Fisimatenten wie die Zentrale Vergabestelle (ZVS), unrentable Fächer oder die Umsetzung von sozialdemokratischen Hochschulrahmengesetzen genommen werden. Vor allem nicht, wenn ein solches das Verbot von Studiengebühren festschreibt, also einfach grottenfalsch ist. (Gegen die ZVS will das Land übrigens trotz vollmundiger Ankündigungen doch nicht klagen, weil die Erfolgsaussichten wohl doch zu schlecht sind, wie der Landesvater fast kleinlaut in der anschließenden Fragerunde zugeben musste; vom Klagen über die verfassungswidrige ZVS an dieser Stelle seiner Rede hielt ihn das jedoch nicht ab. Aber wir schweifen ab.)

Jedenfalls entdeckte der Ministerpräsident just bei jenen Punkten im HRG das Widerstandsrecht, bei denen der Bund Gleichmacherisches fördern könnte. Und dem schloss sich der atemlose Zuhörer natürlich gerne an: Baden-Württemberg strebt eine hohe Autonmie für seine Hochschulen an, wozu sich dann widersetzen? Wozu sich der Freiheit in den Fischgründen der Weltbildung widersetzen? Nicht nur die zuständigen Stellen, sondern auch der Landesvater wissen glänzend Bescheid über die Hochschulen im Land, schließlich hat er sich doch nach eigener Auskunft einen halben Tag mit seinem Wissenschaftsminister unterhalten. Eine ganztägige Konversation nicht nur mit ebenjenem, sondern auch mit der Kultusministerin dazu soll folgen, dann wird er auch gerüstet sein für den Rest der Welt. Erschlagen von so viel Kompetenz, die nicht nur rhetorisch zu glänzen, sondern auch in einer darauffolgenden Fragestunde alle Kritik abzublocken wusste, wankten wir nach Hause. Unter dem Segel solcher Sachkenntnis und Dialogfähigkeit dürfen wir uns getrost schlafen legen. Gute Nacht Baden-Württemberg.

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 30.05.2002

Deintegrationshilfe (14.05.2002)

Seit dem 9. März wohnt Familie Berisha aus Ziegelhausen in der Rohrbacher St. Thomas-Kirche: Kirchenasyl, denn den fünf Menschen droht die Abschiebung nach Albanien. Ihre Geschichte, soweit bundesdeutsch aktenkundig, beginnt 1990 in der Botschaft in Tirana. Dorthin hatten sich Gezim und Filoreta Berisha mit ihren damals zwei Kindern geflohen, teils vor dem beginnenden Chaos am Ende der Ära Enver Hodscha, teils, weil die private Situation im Großfamilienverband unerträglich war und bei der ältesten Tochter bereits zu schwerwiegenden Geburtsschäden geführt hatten, deren Folgen noch heute spürbar sind.

Damals war es den Behörden wohl noch peinlich, BotschaftsbesetzerInnen einfach wieder an die Luft zu setzen, kopierten sie doch nur das Verhalten der "Helden", die im Vorjahr mit ihren Aktionen in Prag, Warschau oder Budapest geholfen hatten, das DDR-Regime zu destabilisieren. So kamen die Berishas als so genannte Kontingentflüchtlinge in die BRD. Es war ihr Pech, dass sie in Baden-Württemberg landeten; während in anderen Ländern diese Kontingentflüchtlinge einen gesicherten Aufenthaltsstatus erhielten, blieben sie hier in der Schwebe, bis das zuständige Bundesamt 1995 verkündete, die Lage in Albanien habe sich so verbessert, dass die Flüchtlinge eigentlich abgeschoben werden könnten.

Diese Einschätzung änderte sich nicht, als wenige Jahre später deutsche Soldaten aus dem Bosnien-Kontingent einige hundert Nichtalbaner mit Waffengewalt aus Tirana evakuierten -- immerhin die ersten scharfen Schüsse deutscher Soldaten auf ausländische Zivilisten seit dem zweiten Weltkrieg, -- und natürlich schon gar nicht, als unter dem Schutz auch deutscher Truppen die UCK in großem Stil Roma aus dem albanisierten Kosovo vertrieben. Wen mag da auch interessieren, dass Gezim Berisha Roma ist?

Für die Berishas bedeutete das, dass ihre Duldung vom Wohlwollen der Heidelberger Behörden abhing. Angesichts des Umstandes, dass Gezim ein paar Mal beim Tomatenklauen im Feld erwischt worden war und er mit seinem albanischen Führerschein Auto gefahren war, vor allem aber wohl, weil sich die Berishas damals noch teilweise durch Sozialhilfe finanzierten, duldete die Stadt nicht. Zwischen 1998 und 2002 beschäftigte der Fall die Gerichte, im Februar dann war der Rechtsweg ausgeschöpft, und die Stadt wollte die Eltern mitsamt ihren Kindern, die praktisch kein Albanisch sprechen, abschieben, obwohl seit 1995 die Tomaten auch bei Berishas aus dem Laden kommen und der Führerschein ebenfalls alle erforderlichen Stempel trägt.

In der Tat war die Familie schon fast ein Musterbeispiel an Integration -- beide Elternteile arbeiten in der Heidelberger Filiale der Fischkette Nordsee und sind dort so beliebt, dass sich Geschäftsleitung und Belegschaft fürs Bleiberecht einsetzen, für die beiden Jungen verwendet sich der Ringerclub, der in den beiden wahre Stützen der Mannschaft hat, ihre Klassen malen Bilder für sie, und die Ziegelhäuser Nachbarschaft organisiert eine Bürgerinitiative, die die ganze Familie in ihrem Kampf um ihre neue Heimat unterstützt. So viel Kompatibilität mit den Idealen der neuen deutschen Einwanderungspolitik rang sogar der gewiss nicht im Ruf erheblicher Fortschrittlichkeit stehenden RNZ eine Serie so ausführlicher wie wohlwollender Artikel über den Fall ab.

Auch wenn sich viele derer, die jetzt ein Herz für AbschiebekandidatInnen entdecken, vielleicht fragen sollten, wo sie sind, wenn der nächste Mensch ohne Kinder, Arbeit und Sprachkenntnisse in einen ziemlich sicheren Tod abgeschoben wird: Jede verhinderte Abschiebung ist ein Erfolg, und die Aussichten dafür sind im vorliegenden Fall trotz allem nicht schlecht. Beschritten wird sowohl ein juristischer -- beantragt wird die Wiederaufnahme des Duldungsverfahrens wegen geänderter Ausgangslage -- als auch ein politischer Weg -- eine Petition an den Bundestag liegt seit 22.4. in Berlin, an einem der nächsten Wochenenden werden AktivistInnen Unterschriften sammeln, bereits die Hälfte der Heidelberger Kirchengemeinden hat eine Resolution für die Berishas unterschrieben.

Es besteht also Hoffnung für das multikulturelle Paar aus einer Albanerin und einem Roma samt ihrer de facto deutschen Kinder -- bis zu einer dauerhaften Duldung oder gar Einbürgerung bleibt aber noch viel Arbeit zu tun, und so sucht der UnterstützerInnenkreis immer MitarbeiterInnen. Wer daran Interesse hat, kann sich entweder an die Redaktion wenden oder direkt an Ulrike Duchrow (Heidelberg-712786). Dort ist auch das Spendenkonto zu erfragen, denn immerhin können die beiden derzeit unter Gefahr der Abschiebung nicht zu ihrem Arbeitsplatz, und die Wohnung in Ziegelhausen will auch bezahlt sein.

So bedenklich es ist, mit guter Integration zu argumentieren, wenn ein Menschenleben auf dem Spiel steht: Den Berishas ist zu wünschen, dass die Stadt ihnen schließlich Bleiberecht gewährt. Und vielleicht gibt ihr Fall ja auch so manchem/r zu denken, ob nicht vielleicht auch ein weniger gut integrierter Mensch ein Lebensrecht hat und die Reise in sein heimisches Folter- und Hungerregime von Gnaden des IWF, der Weltbank und der EU -- Sprachkenntnisse hin oder her -- nicht "verdient" hat.

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Noch ein modernes Dienstleistungsunternehmen (15.05.2002)

Schon im letzten Dezember haben wir darüber berichtet, dass die Wohnungsnot auch in Heidelberg wieder aktuell wird. So überrascht es nicht, dass findige und kreative Geister neue Marktlücken auftun und mit innovativen Dienstleistungsangeboten stopfen. Eine solche Firma ist MK24 [Anmerkung: Hier war früher ein Link auf www.mk24.de -- die Domain ist mittlerweile auf eine andere Firma übergegangen, die mit MK24 nichts zu tun hat. Auch MK24 existiert wohl mittlerweile nicht mehr -- 2.2.2004]. Ihr darf mensch laut Urteil des Landgerichts Hannover bestätigen, sie operiere mit Lockvogelangeboten, während das Landgericht Hamburg die Behauptung legalisiert hat, MK24 betreibe unseriöse Geschäftemacherei mit Wohnungssuchenden.

In der new economy überrascht sowas vielleicht nicht, doch auch über Anzeigen im guten alten Mannheimer Morgen oder auch in der RNZ kann mensch in die Verlegenheit kommen, sich der wertvollen Dienstleistung der ursprünglich aus Hamburg kommenden MK24 erwehren zu müssen.

Das funktioniert so: Ein Angebot für eine im Vergleich zum Restmarkt spottbillige Wohnung -- 626 Euro inklusive für eine Vierzimmerwohnung in Handschuhsheim etwa -- erscheint mit einer Kontakttelefonnummer im Kleinanzeigenteil. Wer nun anruft, kann keineswegs einen Besichtungstermin vereinbaren, sondern erfährt, er oder sie könne sich für gerade mal 58 Euro in die "Mieterdatei" der DIM GmbH eintragen lassen. Aus dieser Mieterdatei, so heißt es, könnten dann VermieterInnen schöpfen, was dem/der Wohnungssuchenden einen tollen Konkurrenzvorteil verschaffe.

MK24 weigert sich natürlich, die Quellen ihrer spottbilligen Anfangsangebote zu nennen, und es darf als wahrscheinlich gelten, dass sie nie existierten. Auch ist nicht wirklich klar, wie weit die Daten aus der Mieterdatei wirklich zirkuliert werden -- kurz: Der Mieterverein Heidelberg warnt vor diesem modernen Dienstleister und rät eventuell schon Geneppten zu allerlei Gegenmaßnahmen. Details dazu kann mensch unter anderem telefonisch (Mieterverein: 06221/20473) erfahren.

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tum.edu (16.05.2002)

Die Technische Universität München träumt ganz offensichtlich heftigst von einer Karriere als deutsches MIT (ca. $35000 pro Jahr). Das lässt nicht nur der Umstand ahnen, dass sie sich neben dem altbackenen tu-muenchen.de allen Ernstes auch tum.edu (.edu wie US educational institution) hat registrieren lassen, sondern auch ein "Geheimpapier", das gestern an die Presse gelangte.

Dieses Geheimpapier, laut TU-Kanzler Kronthaler nur ein Denkmodell, kommt, wen wunderts, aus den Büros der Studiengebühren-Speerspitze CHE und wird also "Kooperationsangebot" deklariert. Und diesmal wollen es die CHE-Sponsoren aus dem Hause Bertelsmann wissen, wird doch an bis zu 12000 Euro im Jahr Studiengebühren gedacht. Kronthaler hofft, mit solchen klandestin zirkulierten Horrorszenarien die Diskussion zu versachlichen, wobei ihm die Redaktion viel Glück wünscht.

Das Problem: Die TU München samt Präsident Herrmann ist wohl bekannt dafür, alles entschlossen durchzuziehen, was auch nur liberale ZeitgenossInnen ärgern könnte, von transgenen Rindern bis zu Kernreaktoren mit Bombenstöffchen, ganz zu schweigen von Herrmanns Auftritten bei Verbindungsfesten unter dem Motto "Südtirol bleibt unser" (übrigens führten nicht diese dazu, dass Herrmann als bayrischer Wissenschaftsminister unmöglich wurde, sondern lediglich Steuerhinterziehung in fünfstelliger Höhe). Auch wenn die Gebührenpläne nach derzeitiger bayrischer Rechtslage noch nicht durchführbar sind, wäre es überraschend, wenn ausgerechnet solche stramm konservativen Vorkämpfer wie Herrmanns Garde sie zeitnah wieder in der Schublade verschwinden ließen.

Das CHE übrigens hält sich in der Sache noch bedeckt. Vielleicht, vielleicht finden sie ja auch, dass es etwas eigenartig kommt, wenn sich gerade die Macher des Big Bother-Senders RTL und des Tittensenders RTL II anheischig machen, die "bildungsfernen Schichten" völlig unideologisch und mit erprobten Methoden der Marktwirtschaft entscheidend zu verbreitern. Andererseits: Seit wann war aktive Ausweitung des Kundenstamms eine Schande?

Nachtrag (18.5.2002): Das Papier ist -- vorerst nur gescannt -- mittlerweile auch online verfügbar.

Nachtrag (22.5.2002): Vor allem, um zu dokumentieren, was eine sicher erfolglose Haltung zu Studiengebühren ist, dokumentieren wir eine Presseerklärung des "AStA" der TU München zum Thema. Die Leute vom dortigen "AStA" waren zwischendurch etwas in die Kritik geraten, weil sie wohl über eine Kopie des Papiers verfügt hatten, es aber aus nicht ganz klaren Gründen abgelehnt hatten, es zu veröffentlichen, auch nachdem es schon ans Neue Deutschland gelangt war. Aus der Presseerklärung: "Im bundesweiten Vergleich muss die TU München noch einige Defizite in den Bereichen Ausstattung, Betreuungsverhältnis und Serviceangebot ausgleichen, bevor sie an neue Wege denken kann." Was das wohl heißen soll?

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 03.06.2002, 06.11.2002, 28.03.2003

MEET@Uni Heidelberg (16.05.2002)

Klein aber fein -- also pure Qualität, unsere "Recruiting-Messe" im Vorraum der Neuen Uni am Mittwoch vor einer Woche. Diese wenigstens für Heidelberg erstmalige Studierendenvermittlung und -beratung (?), die unser Rektorat uns da in seiner nunmehr schon klassischen Form vollendeter Einkaufstouren von den Spitzenreitern unserer Volkswirtschaft gönnte, zeigte wieder mal in seiner vollständigen Unvollkommenheit Exklusivität zu den wegweisenden Inseln (Quellen) der Exzellenz, weil..., ja weil sich das Spektrum der angesprochenen StudentInnen über eine Varianz von Fächern erstreckte, die mit einer Hand abzuzählen sind -- und das elitär Exzellente ist nun mal von seiner Definition schon die Qualität, die sich von der Quantität (Masse?) abhebt!

Zukünftige Biologen (Biotechniker), Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Informatiker dürften jetzt wohl die Elite darstellen, an der wir uns alle orientieren sollten. Jawohl! Wozu diese Bildung im Geisteswesen, lasst uns alle streben zu den Werten der praxisnahen (?) Ausbildung (Verbildung?). Selbst soziale Kompetenz lässt sich erlernen -- das praktizieren überlassen wir dennoch anderen --, wir glauben, nein!, wir wissen, der Erfolg des Einzelnen bedeutet den Erfolg für alle, und deshalb tun wir alles für unseren Erfolg, egal was es kostet. Auf dem Weg nach oben müssen wir nun einmal Opfer bringen. Und wenn wir alle oben sind, ...tja, dann wissen wir nicht mehr wohin.

So was kann einem nur passieren, wenn man nach Materiellem strebt und nicht nach Erkenntnis. Der Kreis schließt sich. Wie der Rundgang in der Neuen Uni, denn wenn man fast am Ende ist, entdecken wir noch einen Stand, ziemlich unscheinbar aber dafür von so strahlender wie erfolgskompatibler Alternativität, den Tisch der "Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik" aus Mannheim. Im Nachhinein hat sich wieder eines erwiesen: Hochglanzbroschüren und -plakate (der Uni für das Meet@) müssen nicht immer mit inhaltlicher Qualität glänzen.

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Uni Bielefeld im Streik (21.05.2002)

Nachdem mittlerweile auch in Nordrhein-Westfalen fleißig an der Gebührenschraube gedreht wird -- zwar nicht nicht offiziell bestätigt, aber auch nicht dementiert sind Pläne, 50 Euro Einschreibe- und 500 Euro Strafgebühren zu erheben --, regt sich dort Unmut, bisher vor allem durch Erklärungen und Resolutionen, jetzt aber auch in Form einen befristeten Warnstreiks: Von heute bis Freitag sollen an der Uni Bielefeld die Hörsaaltüren zu bleiben. Weitere Hochschulen wollen folgen -- wie viel daraus wird, bleibt abzuwarten. Immerhin mag die zuständige Ministerin Gabi Behler gegen die in NRW noch relativ starken Studierendenvertretungen einen schwierigeren Stand haben als weiland Trotha gegen die unabhängigen Modelle hier und Oppermann gegen die Studis in Niedersachsen.

Weitere Informationen gibts beim AStA Bielefeld (Warnung: Durchgedrehtes Javascript)

Nachtrag (22.5.2002): Vorteile eines (ungewöhnlichen) Streiks im Sommersemester: Die Leute campen und grillen. Ansonsten gab es eine 4000-Leute-Demo, die Vorlesungen fallen nach wie vor weitgehend aus.

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 24.05.2002, 28.03.2003

Wusstet Ihr schon... (22.05.2002)

...dass es ganz schnell gehen kann mit der Umsetzung von Regelungen des HRG? Bei der Einführung der verfassten Studierendenschaft aus der sechsten HRG-Novelle wird es sicher fast ewig dauern, bis entsprechende Regelungen auch in Baden-Württemberg Recht werden (dem Vernehmen nach bis 2004), bei den neuen Bestimmungen zu befristeten Beschäftigungsverhältnissen aus der fünften HRG-Novelle gings aber wenigstens für die ungeprüften wissenschaftlichen Hilfskräfe richtig flott. Mit Datum vom 18.4. verkündete die ZUV, dass alle WiHis, die noch kein Examen haben, aber trotzdem schon vier Jahre beschäftigt sind, bei nächster Gelegenheit zu feuern sind. Die Redaktion kennt mindestens einen Lehrstuhl, dem das erhebliche Probleme bereiten wird.

...was unter einem abgeschlossenen Hochschulstudium verstanden wird? Zumindest die Philosophisch-Historische Fakultät versteht darunter eine Promotion, wie sie in der Ausschreibung der Stelle eines Fakultätsassisten (BAT II a) schreibt (Bewerbungsende: 7.6.02). Die Redaktion fragt sich jetzt natürlich, als was der BA in Zukunft in ähnlichen Einrichtungen gewertet wird -- als angebrochenes Hochschulstudium?

...dass der Senat der Uni Heidelberg am 15.5. informiert wurde, dass Institute, die weniger als vier Professuren unter ihrem Dach halten, zusammenzulegen seien? Dass es vielleicht etwas eigenartig ist, aus stellenpolitischen Gründen Ägyptologie, Slawistik und die Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde beziehungsweise die Umweltgeochemie und das IDF zwangszuvereinigen, könnte eventuell sogar in den EntscheiderInnengremien in Stuttgart aufgefallen sein -- dies zumindest lässt eine Gummiklausel hoffen, nach der Zusammenlegungen bei aller Wünschensbarkeit trotz allem nicht zwingend notwendig sind, wenn ihnen wissenschaftliche Erwägungen entgegenstehen.

...wer Karl Max Einhäupl ist? Wahrscheinlich nicht, denn als Vorsitzender des Wissenschaftsrats sondert er auch nur Dummgeschwätz der Marke "qualitätsorientierte Optimierung des Wissenschaftssystems" ab (worunter er sowas wie die Verschulung der Promotion versteht). Ein weiterer origineller Name bei den Wissenschaftsratern -- und nicht etwa eine Stelle, an der mensch fragen kann, warum der fehlgezündete think tank offenbar keinen klaren Gedanken fassen kann -- verbirgt sich übrigens hinter der Mailadresse grund@wissenschaftsrat.de, an die wir eigentlich ein Belegexemplar dieser kleinen Betrachtung schicken sollen. Das tun wir natürlich nicht, weil: Wir mögen den Wissenschaftsrat nicht.

...dass es auch im Thüringischen Jena eine Studizeitung gibt? Wenn nein: Sie hat den etwas bizarren Namen Akrützel ("Jenas führende Hochschulzeitung"), ist um vieles besser gemacht als der UNiMUT und ist im ZFB auch archiviert einzusehen. Wir erzählen euch das einerseits, weil wir uns bedanken wollen, dass wir das Blatt immer zugeschickt bekommen, andererseits aber, weil in der Ausgabe vom 16.5. folgendes bemerkenswerte Bonmot zu lesen steht: "Das Erststudium soll bist zum berufsqualifizierenden Abschluss gebührenfrei bleiben, also bis zur Erlangung der Taxi-Lizenz." Schon mal drüber nachgedacht?

Walter I. Schönlein

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 30.09.2002

Neues von der Streikfront (24.05.2002)

Der Streik an der Uni Bielefeld ging heute zu Ende, dafür gehen Duisburg und Wuppertal in den Streik, und wenigstens aus Wuppertal ist zu hören, dass der normale Uni-Betrieb kaum mehr stattfindet und dass von dort auch mal öffentlich-rechtliche Medien berichten, in diesem Fall der WDR mit seiner "Lokalzeit". Es bedrückt die Redaktion ein wenig, dass mit etwas Pech den Aktionen dort genausoviel Sendezeit eingeräumt wird wie unserem Gag USP, über den uns der WDR heute interviewt hat. Angesichts der Stimmung in NRW ist die Stille, mit der Tagesschau und Deutschlandfunk über die Proteste hinweggehen, eigentlich schon etwas deprimierend.

Wie dem auch sei: Die Streikwoche in Bielefeld scheint ganz erfolgreich gewesen zu sein. So wurde eine Veranstaltung, in der NRW-Bildungsministerin Behler für Konsekutivstudiengänge und die Juniorprofessur werben wollte, kurzerhand zu einem Studiengebührentribunal umfunktioniert, und Behler musste zugeben, dass es ihr bei den Gebühren allein um die 1.4 Milliarden Euro geht, die im Landeshaushalt fehlen. Was ein Fortschritt gegenüber unseren Ministern und Rektoren, die ja gern von allerlei positiven Wirkungen der Gebühren daherreden. Ebenfalls schwer vorstellbar ist, dass der Heidelberger Rektor Hommelhoff seinem Bielefelder Kollegen Timmermann folgt und zu einer Studidemo spricht -- 4000 Leute zogen am Mittwoch durch Bielefeld und hörten neben netten Worten Timmermanns auch einen Redebeitrag der "Studierenden ab 50". Die üblichen öffentlichen Vorlesungen gabs auch, sogar das Studentenwerk beteiligte sich mit einem Mensa-Sparmenü (das wäre in Heidelberg vielleicht nicht nötig...). Dazu kamen etliche Spontandemos, Kundgebungen und vieles andere. Mit etwas Mühe kann mensch sich auch beim AStA Bielefeld weiter informieren.

Die Redaktion sucht dringend eineN Studi, der/die den Ereignissen bundesweit folgen und für den UNiMUT darüber berichten möchte. So wäre es beispielsweise extrem praktisch, wenn jemand aus Heidelberg zum bundesweiten Protestkoordinierungstreffen fahren würde -- wir sehen uns nach genau deinem Angebot.

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Verboten (25.05.2002)

[Image: Lauter verbotene Dinge]

Seit dem 8.3. hat Heidelberg eine neue Polizeiverordnung. Wie wohl mittlerweile üblich, stellt sie eine deutliche Verschärfung ihrer Vorgängerin dar -- schließlich soll der/die BürgerIn ja merken, dass etwas für die Sicherheit getan wird, was heute fast immer Repression irgendwie ungewöhnlichen Verhaltens bedeutet. Dass sich diese Repression zumeist nur gegen Gruppen wendet, die aus anderen Gründen nicht willkommen sind -- Obdachlose etwa --, konnte man heute in der Fußgängerzone sehen. Leute aus dem Umfeld der AIHD probierten aus, wie es ist, wenn mensch gegen die Polizeiverordnung verstößt.

Oben im Bild ist zu sehen: Gesammeltes Laub, ein behängtes Denkmal, Angeln in einem Brunnen, die Folgen einer Verrichtung der Notdurft (Ersatzmaterial) sowie im Hintergrund das Abspritzen eines Fahrzeugs. Fünf Delikte, die jeweils bis zu 5000 Euro an Verwarnungsgeld kosten können.

Der Protest mag zwar etwas launig wirken, findet aber im Rahmen der AIHD-Kampagne gegen den Wahn der "inneren Sicherheit" (Wir berichteten) einen durchaus ernsten Hintergrund. Die Zurichtung der Städte zu Konsumrennbahnen braucht neben Überwachung eben auch Möglichkeiten zur Sanktionierung unerwünschter Elemente. Und besagte Zurichtung ist nur ein Teil eines Programms, das Studis als Schleiferei und Studiengebühren kennen oder Arbeitende als Sozialabbau. "Modernisierung" wird das vielleicht offiziell genannt, "Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit", "Deregulierung" (was sich natürlich nicht auf die Regelung der Rechte im öffentlichen Raum bezieht) und was sich da noch so im Fundus der Neusprache finden mag.

Menschen, die ihre Freiheit auch mit Sicherheit sterben sehen, können sich am 22.6. um 14 Uhr am Kornmarkt am nächsten -- etwas konventionelleren -- Teil der Kampagne beteiligen: Einer Demonstration gegen Überwachungsgesellschaft und Polizeistaat.

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Mehr Lehrer aus Schwaben (29.05.2002)

„Die Einführung eines Numerus Clausus streben wir nicht an“, verkündeten Minister Frankenberg und Ministerin Schavan noch am 14.2. Und wenn man unter NC vor allem dessen Folgen versteht, dass nämlich nicht alle einen Studienplatz bekomen, dann stimmt das. Einen Studienplatz bekommt man nämlich weiterhin an den PHen, allerdings nicht unbedingt an der PH, an die man eigentlich will und vielleicht auch nicht in dem Studiengang, den man eigentlich studieren will.

In den Worten von Minister Frankenberg vom 24.5. (Pressemitteilung): „Alle geeigneten Interessenten für Pädagogische Hochschulen werden einen Studienplatz erhalten, wenn sie ausreichend flexibel sind“. (Da die PHen im ehemaligen Baden in den größeren Städten eingerichtet wurden, nämlich Karlsruhe, Heidelberg und Freiburg, sind diese begehrter als die in der württembergischne Provinz, namentlich Weingarten und Schwäbisch Gmünd.) Im Klartext: „Es geht nicht darum, Studierende abzuweisen, sondern um die Umlenkung der Studierenden an weniger ausgelastete Hochschulen und in weniger ausgelastete Fächer, zum Beispiel um eine Umlenkung der Studierenden in den Studienschwerpunkt Hauptschule, da dieser nicht voll ausgelastet ist.“

Hierbei will der Minister vor allem die Verfahren zur Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen ausbauen. Bisher können in ausgewählten Studiengängen 40% der Studis ausgewählt werden, in Zukunft sollen es 90% sein. Und wer eben nicht fit ist für die Grundschule, kann sich ausrechen, dass er/sie geeignet ist für die Hauptschule. Nun ist es wirklich notwendig, mehr engagierte HauptschullehrerInnen auszubilden, diesem Ziel förderlich wäre aber sicherlich etwas mehr Kreativität und Kompetenz auf Seiten der GestalterInnen der politischen Rahmenbedingungen. Ziel der derzeitig laufenden Maßnahmen ist nach Frankenberg, das ZVS-Verfahren mit seinem planwirtschaftlichen Charakter möglichst weitgehend abzuschaffen. Man mag der Redaktion die Frage verzeihen, wie man das neue Verfahren denn dann nennen soll: Zentralautonome Zwangsverteilung?

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Pro Choice (30.05.2002)

Während Ministerpräsident Teufel in seiner jüngsten Heidelberger Rede über die Zukunft der Hochschulen im Land eher schwammig von "Flaggschiffen" redete, wechselte sein Redenschreiber nun das Bild und ließ ihn am 25.5. ausführen, wie er die "Vorreiterrolle des Landes in Sachen Hochschulpolitik" ausbauen will. Was kam, war vorhersehbar: Durch Wettbewerb natürlich und durch Autonomie der Hochschulen. Zentrale Bedeutung für die "wettbewerbsfähige Ausrichtung des Hochschulsystems" komme dabei der Ausweitung des Selbstauswahlrechts zu -- gemeint ist, dass Hochschulen ihre Studierenden selbst aussuchen dürfen, die Lokale Auswahl eben. Zusätzlich sollen in den nächsten Jahren weitere Rahmenbedingungen fest geschrieben werden (die sog. "Autonomie", die ja bekanntlich dem "Profil" zu Gute kommen soll) und vor allem weiter dran gearbeitet werden, das Magisterstudium durch sechsemestrige Bachelorstudiengänge zu ersetzen.

Bereits am 14.5. hatte die Landesregierung nach eigener Aussage "eine wichtige Etappe bei der Stärkung des Selbstauswahlrechtes der Hochschulen erreicht" und beschlossen, dass künftig 90% der Studis von "den Hochschulen" ausgewählt werden sollen. Beschlossen ist das natürlich nicht, erst im Herbst wird der Entwurf im Landtag beraten werden. Teufel (und Frankenberg) versprechen sich von dieser Maßnahme einen Wettbewerb um die "besten" Studierenden zwischen den Hochschulen mehr "Profil" der Hochschulen und -- wow! -- mehr Verantwortungsbewusstsein der Professoren für ihre Studierenden; damit hätten wir schon fast 90% der hohlen Phrasen in diesem Metier abgedeckt.

Die 90% Selbstauswahl soll bei Studiengängen, die "wegen ihrer inhaltlichen Gestaltung besondere fachspezifische Anforderungen an die Studierenden stellen" durchgeführt werden, "Eignungsfeststellungsverfahren" nennt sich das dann. Wir vermuten, dass es sich dabei um alle Studiengänge im Herrschaftsbereich Teufels handelt, denn, mal ehrlich, welcher Studiengang in Baden-Württemberg stellt schon keine besonderen fachspezifischen Anforderungen?

Während das noch beinahe plausibel klingt -- jedenfalls, wenn mensch berücksichtigt, dass es aus dem Munde des Ministerpräsidenten kommt --, wird es abenteuerlich, wenn die Verfahren vorgestellt werden: Kriterien sind "die in der Oberstufe erbrachten Leistungen sowie die Kernfächer Deutsch, eine Fremdsprache und Mathematik" ("sowie"?, d.S.) oder "die Einzelnoten in studiengangspezifischen Schulfächern, besondere Vorbildungen, praktische Tätigkeiten und fachspezifische Fähigkeiten". Legal sind auch "Motivationsschreiben von Studierenden" (sic!) und natürlich die gefürchteten Auswahlgespräche. Vielleicht mag mensch mit der Idee sympathisieren, den Dauerloosern an der Schule eine Chance zu geben, im Gespräch oder durch devote Briefe zu überzeugen. Doch das, was hier vorgestellt wird, unterscheidet sich kaum von der Verteilung der Plätze nach Abischnitt.

Wer wirklich mehr über die Leute wissen will als Abinoten und die Mitgliedschaften im Schützenverein, muss ernsthaft Zeit haben und bereit sein, diese auch zu investieren -- und die, die jetzt schon studieren, dürften bald merken, wo die Ressourcen herkommen! Aber -- Frankenberg ist da ganz offen -- um die geht es auch nicht primär, und auch nicht um die Ausgewählten. Es profitieren, ja wirklich, vor allem die Hochschullehrer, weil sie zukünftig besser motivierte und geeignete Studierende unterrichten könnten...

Viel entscheidender ist jedoch, dass diese ganze Auswählerei im Wesentlichen den Sinn hat, die freie Berufs- und vor allem Interessenwahl weiter zu beschränken. Wer Leuten mit schlechtem Abi eine Chance geben möchte, muss eben Studienplätze dafür schaffen. Wie kann es eigentlich sein, dass eben die Herren, die in der DDR ein System der Knechtung wahrnahmen, weil Studienmöglichkeit und Fachwahl durch Staatsräson und Fünfjahresplan eingeengt waren, hier nun allerlei Konformitätshürden vor unsere freien westlichen Studiengänge bauen möchten, und zwar möglichst vor alle?

Und selbst wenn Auswahlverfahren nicht per se schlecht wären, vielleicht gar redliche Ziele verfolgen sollten, die Verfahren, die Teufel so vorschweben, sind auf jeden Fall böse und unsinnig. Vielleicht hätte ein Blick auf den PISA-Sieger Finnland helfen können, denn selbst dort gibt es Auswahlverfahren, etwa für die begehrtesten Studienplätze: die für GrundschullehrerInnen. Dabei müssen die KandidatInnen eine Gruppe Kinder unterrichten, und die Studienplätze werden denen zugeteilt, die den Klassenraum am ungerupftesten verlassen.

Die Redaktion schlägt vor, statt der nun wirklich gruseligen Berufung künftig die Lehrstühle unserer Alma Mater nach einer analogen Methode zu vergeben. Dann hätten wir auch zufriedene Profs...

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Dieser Artikel wurde zitiert am: 07.03.2003


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